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Boston

Medical Library

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Die

Aphorismen des Hippokrates

nebst den Glossen eines Homöopathen.

Die

Aphorismen des Hippokrates

nebst den

Glossen eines Homöopathen.

Herausgegeben

C. v. BOENNINGHAUSEN,

Königl. Pretiss. Regierungsrathe a. D. , Doktor beider Rechte und der Me- dizin, Ritter der Ehrenlegion, mehrerer gelehrten Gesellschaften Ehren- Präsidenten, so wie wirklichem, Ehren- oder korrespondirendem Mitgliede, und praktischem homöopathischen Arzte.

Docet Hippocrates, docet Qalenus, tutius autem docet natura.

Leipzig.

Verlag von Otto Pur für st. 1863.

i.d.Mo.

Wir verehren in den hippokratischen Schriften das wichtigste Denkmal des Alterthums, das die Arzneikunst aufzuweisen hat; eine Menge Bearbei- tungen derselben sind bis jetzt erschienen, und viele werden noch wohl folgen.

Prof. Dierbach, die Arzn. d. Hipp. Vor. S. IV.

Der Verfasser hat sich jede Uebersetzung vorbehalten.

Vorwort.

Wenn man die Absicht hat, einen alten Klassiker auf's Neue der literarischen Welt vorzuführen, so kann man da- bei auf sehr verschiedene Weise zu Werke gehen.

In unseren hochgebildeten und tiefgelehrten Zeiten, wo die Philologie, wie früher in Alexandria, sich neben der Philosophie, Theologie, Jurisprudenz und Medizin, den Rang einer ebenbürtigen, akademischen Doktrin1) erwor- ben hat, ist eine der Gewöhnlichsten Die, dass man als Sprachforscher den Text mit seinen verschiedenen Les- arten einer sorgfältigen Prüfung unterzieht, neu aufgefun- dene Codices damit vergleicht, Diejenige von den Varian- ten, welche man für die Richtigste hält, sich aneignet, oder irgend eine Neue ausfindet, und die Uebrigen mit dem

1) Eine Frucht dieser gelehrten Errungenschaft unserer Zeit scheint unter Anderem die in der heutigen S chul-Terminologie (auch ein hybrides, aus drei Sprachen entnommenes Wort) eingeführte Benennung : Abiturienten, für abgehende Gymnasiasten, zu sein, welches sich eben so wenig in einem Klassiker findet, als die mönchischen monachare und claustrare, welche das Mittelalter eingeschwärzt hat. Das bei den Cano- nisten gebräuchliche Wort: nupturire kann dabei nicht zur Rechtfertigung dienen, indem dieses Zeitwort keineswegs neu erfunden ist, sondern schon im Martialis (III, 93. 18) und in der Apologia des Apulejus (de magia orat. ed. Bip. II, p. 75) vorkommt. Bisher war es nicht erlaubt, eine alte todte Sprache mit derartigen neuen, und am Wenigsten mit ungrammatika- lischen, ein doppeltes Futurum darstellenden Wörtern zu bereichern.

VI Vorwort.

scharfen Messer der Kritik beseitigt. So entsteht dann eine neue Ausgabe, angeblich gereinigt von allen Mängeln sämmtlicher Vorhergehenden und oft begleitet von einer Menge von Anmerkungen, die der Belesenheit, dem Scharf- sinne und dem Fleisse des Autors zum grössten Ruhme gereichen. Wir2) gestehen, dass wir ohne grosses Bedau- ern auf diesen Ruhm verzichten, indem wir uns nicht zu überzeugen vermögen, dass ein so grosser dazu erforder- licher Aufwand, nicht bloss von Sprachkenntniss , die wir überdem nicht besitzen, sondern auch von Zeit und Mühe, die uns ebenfalls nicht zu Gebote stehen, eine lohnende Entschädigung finden kann in der gewonnenen, oft uner- heblichen Ausbeute, die später noch den Angriffen anderer, nicht minder gelehrter Philologen blossgestellt bleibt.

Eine zweite Art ist die des Uebersetzers. Seine Aufgabe ist vielleicht weniger zeitraubend, aber sicher schwieriger, als die des Vorigen. Nicht allein, dass es dabei erforderlich ist, der beiden Sprachen vollkommen mächtig zu sein, sondern es erwächst ihm ausserdem noch eine besondere Schwierigkeit aus dem Umstände, dass er verpflichtet ist, Alles und Jedes gehörig wiederzugeben, und dass ihm nicht die Befugniss zusteht, manches Unver- ständliche oder Doppeldeutige mit Stillschweigen zu über- gehen. Er ist überdem nicht nur an den Sinn, sondern auch an die Worte und die Darstellungsweise seines Autors gebunden, und geräth dadurch leicht in Kollision mit den Eigenthümlichkeiten der beiden Sprachen, die in der üb- lichen Redeweise oft so weit auseinander laufen, dass eine Vermittelung fast unmöglich wird. 3)

2) Wenn im Verlaufe dieser Schrift durchgängig das Ich mit dem Wir vertauscht wurde: so liegt diesem, übrigens vielfach üblichen Brauche hauptsächlich der Umstand zum Grunde, dass weniger die individuelle An- sicht und Ueberzeugung des Verfassers, als vielmehr die der meisten ge- bildeten und erfahrenen Homöopathen ausgesprochen werden sollte.

3) Wenn wir auch die Fähigkeit dazu besässen, so würde es uns doch an dem Ehrgeize fehlen, unsere Uebersetzung in der Weise loben zu hören, wie ehedem die Vossischen, von denen man behauptete, sie seien, wie die Wachsfiguren, zum Erschrecken treu.

Vorwort.

VII

Die Aufgabe des Kommentators ist allerdings, im Gegensatze zu den beiden Vorigen, eine weit Leichtere, und die Schwierigkeiten, die dabei vorkommen, sind ganz anderer Natur, indem sie weit mehr die Sache und den Inhalt, als die Worte und den Ausdruck betreffen. Frei- lich ist auch dieser, wenn er dabei zugleich den Urtext in der Uebersetzung wiedergiebt, an die Phrase gebunden; aber die Hauptsache bleibt immer der Sinn. Ausserdem hat er, oder nimmt er sich die Befugniss, nach Belieben und Ermessen Dasjenige mit Stillschweigen zu übergehen, was keiner Erklärung bedarf, oder einer Solchen nicht wohl fähig ist;4) und hierin eben liegt für ihn manche, sehr wesentliche Erleichterung, die deshalb in der Regel auch fleissig genug benutzt wird.

Am Bequemsten von Allen hat es endlich der Glossa- tor. Dieser legt im Grunde nur ein sehr untergeordnetes Gewicht auf den Urtext, und benutzt ihn vielmehr nur als eine Veranlassung, Dasjenige zu sagen, was ihm eben zu sagen beliebt.5) Er ignorirt also unbedenklich alles Dunkle oder Zweifelhafte, ist bei der Uebersetzung, wenn Er eine Solche giebt, durchaus nicht strenge an die

Blumiger und rhetorischer Stil bei ernstem Stoff gleicht den blauen und rothen Blumen im Korne. Sie gefallen Denen, welche nur zum Ver- gnügen spazieren gehen, erweisen jedoch Demjenigen Schaden, welcher die Früchte ernten will. Swift's Aphorismen.

4) O! wie wohl es einem Kommentator thut, wenn er sich von einer schweren Stelle, zu welcher er dem Leser bloss die Thüre geöffnet hat, ohne weiter etwas zu sprechen, als ein Paar griechische Zauberworte, weg- schleichen kann. Lichtenberg^ Hogarth. PI. XII.

5) In den Augen einiger Leser dürfte vielleicht die Ausdehnung, welche wir unserer glossarischen Ungebundenheit zugestanden haben, ein zulässi- ges Maass zu überschreiten scheinen. Wir haben indessen die meisten Allotria in die Anmerkungen verwiesen, wo man sie nach Belieben über- schlagen kann, ohne dadurch in dem Texte eine Störung oder Lücken zu verursachen. Manche hingegen lieben Mannigfaltigkeit in dem Vortrage solcher Gegenstände, die an und für sich ernster Natur sind und daher leicht ermüden; Diesen vorzüglich mögen die fremdartigen Ausschmückun- gen gewidmet sein, welche oft gegen Langeweile und Ueberdruss schützen, und den Geist entweder auffrischen oder erheitern.

yjjj Vorwort.

Worte gebunden, und kann dabei einen beträchtlichen Theil der eigentlichen Gelehrsamkeit entbehren, ohne welche die drei Vorigen unmöglich ihre Aufgabe zu lösen im Stande sind.

Der freundliche Leser6) wird in dem eben Gesagten leicht den Hauptgrund finden, warum wir uns bei der vor- liegenden Bearbeitung der Aphorismen des Hippo- krates die leichtere Aufgabe gewählt haben. Indessen ist Jener nicht der Einzige, sondern sehr wesentlich schliesst sich Diesem auch noch ein Zweiter an, der darin besteht, dass die Beschäftigung damit nur zu einer Zwischenar- beit neben unseren sonstigen Berufsarbeiten bestimmt war, wobei zahlreiche Unterbrechungen eben keinen allzu nach- theiligen Einfluss üben konnten. Wenn wir diesen beiden Hauptgründen nun noch ferner hinzufügen, dass wir eines- theils frei sind von der Anmaassung, uns in die Reihen der eigentlichen Gelehrten einzudrängen, sondern nur auf das Prädikat eines praktischen Mannes Anspruch zu haben wünschen, und dass es uns anderntheils nur um eine Gelegenheit zu thun war, unsere, auf vieljähriger Er- fahrung beruhenden Ansichten auszusprechen: so ha- ben wir ziemlich Alles gesagt, was wir zunächst über die Form dieser Schrift zu sagen für nöthig erachteten.

Was den Inhalt dieses Werkchens anbelangt, so ist dieser vollständig auf dem Titel ausgesprochen.

Es enthält nämlich zuvörderst eine deutsche Ueber- setzung der Berühmtesten unter den hippokratischen

6) Es giebt zwei Klassen von Lesern, denen alle Kommentare und alle Glossen langweilig und unausstehlich sind, nämlich Die, welche Alles wissen, und Die, welche Nichts wissen. Für dergleichen Ultra's sind natürlich die nachfolgenden Blätter nicht geschrieben. Beide mögen daher Dies als Warnung beachten, und mit Omar sprechen: Wir besitzen den Alkoran; enthalten die Bücher Das, was bereits im Alkoran steht, so sind sie überflüssig; enthalten sie aber Dinge, wovon der Alkoran nichts sagt, so sind sie schädlich; in beiden Fällen müssen sie daher dem Feuer über- geben werden.

Vorwort. IX

Schriften nach den bewährtesten Ausgaben, mit Benutzung anderer lateinischen, deutschen und französischen Ueber- setzungen, und man wird, wie wir hoffen, finden, dass un- beschadet einer verständlichen Ausdrucksweise, überall min- destens der Sinn möglichst getreu wiedergegeben ist. Auf ein Mehreres machen wir in dieser Beziehung keinen An- spruch, und wenn man die Unsrige mit den bereits Vor- handenen vergleichen will, so haben wir nicht das Mindeste dawider einzuwenden.

Eine grössere Freiheit, um nicht zu sagen: Willkür, haben wir uns bei den angehängten Glossen erlaubt, und wir halten es für nöthig, uns hierüber noch besonders mit aller Offenheit auszusprechen.

Es sind eigentlich zwei Punkte, die vorzugsweise zu unserer gegenwärtigen Zeit einer besonnenen und einge- henden Besprechung zu bedürfen scheinen , nämlich : ein- mal die materialistische Richtung, welche die neuere Arzneiwissenschaft eingeschlagen hat, und andermal das eigentliche Wesen und der Werth der Homöopathie, worüber so grosse Begriffs-Verwirrungen herrschen. Diese beiden Punkte haben wir in unseren Glossen hauptsächlich vor Augen gehabt, und bei jeder irgend passenden Ge- legenheit nicht verfehlt, Dasjenige freimüthig auszusprechen, was eine sorgfältige Beobachtung und reiche Erfahrungen aus einem Zeiträume von einem vollen Drittel- Jahrhundert unsere Ansichten geläutert und unsere Ueberzeugung be- festigt haben, die in Verbindung mit so vielen Andern derselben Art mindestens von solchem Werthe sein dürften, dass sie mit blossem Leugnen, Ignoriren oder Achselzucken nicht mehr füglich abgefertigt werden können.7) Wenn unsere freimüthigen Aeusserungen dabei hier oder da eini- gen Anstoss erregen sollten : so ist Das nicht unsere Schuld, und wir erklären von Vorne herein , dass uns nichts ent- fernter liegt, als persönliche Provokation oder gar Beleidi-

7) Ne pudeat te nil scire, turpe est nil discere velle.

Marc. Aurelius.

gung, und dass es sich stets ganz allein um die Sache handelt. 8)

Von diesem letzten Gesichtspunkte aus betrachtet, kann es daher auch nicht falsch gedeutet, oder gegen uns zum Vorwurfe erhoben werden, wenn wir hier einem weltbe- rühmten Gelehrten eine Schuld aufbürden, und ausserdem eine Inkonsequenz vorwerfen müssen. Dieser Mann ist nämlich kein Geringerer, als der wahrhaft grosse und mit Recht im In- und Auslande gefeierte A. v. Humboldt. Dieser veröffentlichte bekanntlich im Jahre 1797 seine be- rühmte und viel ausgebeutete Schrift „über die (durch Gal- vanismus) gereizte Muskel- und Nerven -Faser, nebst Ver- muthungen über den chemischen Prozess des Thier- und Pflanzen-Lebens."9) In dieser Abhandlung finden wir so- wohl den Anfang, als die Sanktion der später bis zum Unsinn gesteigerten Uebertreibungen der wahren ma- terialistischen Schule,10) die jedes Geistige und

8) Si quis exstiterit, qui sese laesuin clamabit, is aut conscientiam prodet suam aut certe metum. Erasrnus.

9) Die physiologische Schule kennt genau alle Theile des Auges und die Funktionen eines Jeden derselben; aber nur bis zur Netzhaut und zum Sehnerven. Wie dann aber weiter das wirkliche Sehen geschieht, da- von weiss sie Nichts. Eben so wenig kann sie das Farbensehen er- klären, namentlich solches, welches sich oft bei Krankheiten, nicht bloss des Auges, einstellt, und noch weniger das Unvermögen, Farben zu unterscheiden, welches zuweilen bei Personen gefunden wird, deren Au- gen und Sehkraft übrigens völlig normal sind.

Das Denken selbst ist freilich kein chemischer Prozess, aber es ist mir sehr wahrscheinlich, dass gleichzeitig mit demselben materielle Ver- änderungen im Gehirne vorgehen.

Humboldt's Versuche II, 51.

Mit treffender Ironie sagt Heiuroth (über die Hypothese der Materie S. 14): „Wie die Blume blüht, und ihre Blüthe der höchste Erweis der organisch-bildenden Kraft im Pflanzenleben ist: so denkt das Gehirn, und der Gedanke ist gleichsam die Blüthe dieses Organs, der höchste Er- weis der organisch-bildenden Kraft im animalischen Organismus."

10) „Humboldt" versichert Prof. Weber in den Verhandl. d. na- tura. Ver. Jahrgang 16, S. 328 „wird der Begründer der Nerven- physiologie, wie er der Erste war, der einen wissenschaftlichen Weg in der Arzneimittellehre betrat."

XI

sagen wir es gerade heraus jedes Göttliche11) aus- schliesst. 12)

Indem wir es für überflüssig halten, jene allbekannte Schrift näher zu besprechen, haben wir hier nur noch die

11) Quid est enim aliud natura, quam Deus, et divina ratio toti mundo et partibus ejus inserta.

Seneca de benef. IV, 6.

Wenn auch etwas hart, so doch nicht ganz ungegründet ist das Urtheil Schmettau's über Humboldt, wenn er in seinem „Friedrich Wilhelm IV." S.. 33 sagt: „Sein Kosmos, der die Natur und was der Mensch ihr bis.- her abgelauscht getreulich schildert, ohne sich um ihren Schöpfer zu be- kümmern, ist der Gegensatz der Bibel, welche nur die Thaten dieses Schöpfers preist und nicht die Beobachtungen der Menschen erzählt. Wer aber die Früchte eines neunzigjährigen Lebens zusammenfassend kein an- deres Resultat erreicht hat, als die selbstgenügsame Blasirtheit, welche vor- nehm bei dem lebendigen Gott vorbeigeht, ohne sich um Ihn zu beküm- mern, der ist noch nicht bis an den Quell der Weisheit vorgedrungen, de- ren Frucht der innere Friede ist, und der Einfluss, den er auf seine Zeit geübt, wird wahrlich Niemand zu Gute kommen, als den Mächten, welche diesen Frieden zerstören wollen."

„Humboldt's „„Kosmos"" sagt W. Menzel in der „Geschichte der neuesten Zeit, S. 10, in der Note, „wurde von der Diesterweg'schen Schulpartei ausdrücklich der Bibel entgegengesetzt als das Buch der Bücher. In dieser Darstellung des Naturganzen wird der Schöpfer nicht geehrt, noch erwähnt, sondern die Natur erscheint als eine gleichgültige Substanz, die erst Bedeutung gewinnt, indem der Mensch sie erkennt und benutzt. Auf den Schöpfer und das Wesen der Dinge kommt es Humboldt nie an, immer nur auf die Entdecker, Erklärer und Erfinder, und nur den forschen- den Menschengeist preist er, ganz im Sinne der Philosophie Hegel's, welcher Gott selbst nur so weit existiren lässt, als er vom Menschen gedacht wird. Unter Humboldt's Einfluss machte die deutsche Naturwissenschaft mit weni- gen Ausnahmen Front gegen das Christenthum."

12) Nur an wenigen Stellen des Kosmos (I, S. 260, II, S. 15, 27, 36, 39, 45 u. n. and.) finden wir den Namen Gottes, aber auch da immer nur bei Andern und gleichsam historisch erwähnt. Wir dürfen da- bei freilich nicht vergessen, was der gelehrte Mann in dieser Beziehung (das. I, S. 367) sagt: „In das empirische Gebiet objektiver sinnlicher Betrachtung, in die Schilderung des Gewordenen, des dermaligen Zustan- des unseres Planeten, gehören nicht die geheimnissvollen und ungelösten" (soll wohl heissen: unlösbaren) „Probleme des Werdens." Aber eben von hier aus wäre es nur ein Schritt gewesen bis zu dem Schöpfer und Erhalter aller der geschilderten Herrlichkeiten, bis zu der Gottheit, die wir überall schmerzlich vermissen.

XII Vorwort.

Pflicht, die oben gerügte Inkonsequenz dieses Gelehrten nachzuweisen, und erfüllen diese um so lieber, als uns da- durch eine Gelegenheit geboten wird, aus der gewandten Feder dieses Mannes einen eben so schätzbaren, als im blühendsten Stile geschriebenen Beleg für unsere Ansichten mitzutheilen, welcher vielleicht weniger bei den Fachmän- nern bekannt sein dürfte. Derselbe scharfsinnige, aber noch nicht in seine galvanischen Versuche vertiefte For- scher hatte nämlich zwei Jahre früher (1795, im 4. Stücke der Hören) die Macht der (geistigen) Lebenskraft 13) so äusserst schön und treffend gemalt, und die Gegensätze zwischen Leben und Tod in solcher Schärfe* dargestellt, dass wir Nichts kennen, was diesem an die Seite gesetzt werden könnte, obwohl das Ganze nur in eine kurze (von Schiller sehr belobte) Erzählung: „Die Lebenskraft oder der Rhodische Genius", eingekleidet ist.14) Wir kön-

13) „Unstreitig" sagt Hufeland mit vollem Rechte, „gehört die Lebenskraft unter die allgemeinsten und gewaltigsten Kräfte der Natur. Sie erfüllt und bewegt Alles, sie ist höchst wahrscheinlich der Grundquell, aus dem alle übrigen Kräfte der organischen Natur fliessen. Sie ist es, welche Alles hervorbringt, erhält, erneuert; durch welche die Schöpfung seit so manchen Tausenden von Jahren noch jeden Frühling mit eben der Pracht und Frischheit hervorgeht, als das Erstemal, da sie aus der Hand ihres Schöpfers kam. Sie ist es endlich, die, verfeinert und durch eine vollkommnere Organisation unterstützt und gehoben , sogar die Denk- und Seelen-Kraft entflammt und dem vernünftigen Wesen zugleich mit dem Le- ben auch das Gefühl und das Glück des Lebens giebt. Denn, wie ein Mangel an Lebenskraft so auffallend nicht nur die körperlichen, sondern auch die geistigen Thätigkeiten hemmt und jenen Ekel und Ueberdruss des Lebens hervorzubringen im Stande ist, der unsere Zeit leider auszeichnet, - so kann und muss ein gewisser Ueberfluss derselben zu allen Genüssen und Unternehmungen aufgelegter und das Leben schmackhafter machen."

Was wir unter Lebenskraft verstehen, ist nicht Dasjenige, was einige Leibnitzianer dafür ausgeben, und wofür sie folgende Stelle (Protog. p. 18) anführen: ' „Nee dubium est, cum prima telluris tenerae stamina ducebat sapientissimus conditor , aliquid formationi animali aut plantae simile contigisse, sed incendiis et eluvionibus ac ruinis nunc ita detortum perturbatumque in hac superficie et velut cute, nt aegerrime nosci possis."

14) Es verdient wohl hervorgehoben zu werden, dass Humboldt noch unterm 15. Oktober 1849 in einem Briefe an Varnhagen diese „Ansichten

Vorwort. XIII

nen es uns daher nicht versagen, den Schluss dieser „Er- zählung", als die, dem weisen Epickarmus, einem Schüler des Pythagoras, in den Mund gelegten Worte anzuführen :

„Reis.st den Vorhang von dem Fenster hinweg, dass ich mich noch einmal weide an dem Anblick der reichbe- lebten lebendigen Erde. Sechzig Jahre lang habe ich über die inneren Triebräder der Natur, über den Unterschied der Stoffe gesonnen und erst heute lässt der Rhodische G jnius mich klarer sehen, was ich sonst nur ahnete. Wenn der Unterschied der Geschlechter lebendige Wesen wohl- i: tätig und fruchtbar aneinander kettet, so wird in der un- organischen Natur der rohe Stoff von gleichen Trieben be- wegt. Schon im dunkeln Chaos häufte sich die Materie und mied sich, je nachdem Freundschaft oder Feindschaft sie anzog oder abstiess. Das himmlische Feuer folgt den Metallen; der Magnet dem Eisen; das geriebene Elektrum bewegt leichte Stoffe; Erde mischt sich zur Erde; das Kochsalz gerinnt aus dem Meere zusammen und die Säure der Stüptärie strebt, sich mit dem Thone zu verbinden. Alles eilt in der unbelebten Natur sich zu dem Seinen zu gesellen. Kein irdischer Stoff (wer wagt es, das Licht diesen beizuzählen?) ist daher irgendwo in Einfachheit und reinem, jungfräulichem Zustande zu finden. Alles eilt von seinem Entstehen an zu neuen Verbindungen und nur die scheidende Kunst des Menschen kann ungepaart darstellen, was Ihr vergebens im Innern der Erde und in dem beAveg- lichen Wasser- und Luft-Oceane suchtet. In der todten unorganischen Materie ist träge Ruhe, so lange die Bande der Verwandtschaften nicht gelöst werden, so lange ein dritter Stoff nicht eindringt, um sich den vorigen beizu- gesellen. Aber auch auf diese Störung folgt wieder un- fruchtbare Ruhe."

„Anders ist die Mischung derselben Stoffe im Thier- und Pflanzenkörper. Hier tritt die Lebens-

der Natur" für sein „Lieblingswerk" erklärt, und abermals eine neue Aus- gabe davon veranstaltet hatte, nachdem er im „Kosmos" (I. Vor.) auch deren erwähnte.

kraft gebieterisch in ihre Rechte ein; sie kümmert sich nicht um die demokritische Freundschaft und Feind- schaft der Atome; sie vereinigt Stoffe, die in der unbelebten Natur sich ewig fliehen, und trennt, was in dieser sich unaufhaltsam sucht."

„Tretet näher um mich her, meine Schüler, und er- kennet im Rhodischen Genius, in dem Ausdruck seiner jugendlichen Stärke, im Schmetterling auf seiner Schulter, im Herrscherblick seines Auges, das Symbol der Lebens- kraft, wie sie jeden Keim der organischen Schöpfung be- seelt. Die irdischen Elemente, zu seinen Füssen, stre- ben gleichsam, ihrer eigenen Begierde zu folgen und sich mit einander zu mischen. Befehlend droht ihnen der Ge- nius mit aufgehobener, hochlodernder Fackel, und zwingt sie, ihrer alten Rechte uneingedenk, seinem Gesetze zu folgen."

„Betrachtet nun das neue Kunstwerk, welches der Ty- rann mir zur Auslegung gesandt; richtet Eure Augen vom Bilde des Lebens ab, auf das Bild des Todes. Auf- wärts weggeflohen ist der Schmetterling, ausgelodert die umgekehrte Fackel, gesenkt das Haupt des Jünglings. Der Geist ist in andere Sphären entwichen, die Lebenskraft erstorben. Nun reichen sich Jünglinge und Mädchen fröh- lich die Hände. Nun treten die irdischen Stoffe in ihre Rechte ein. Der Fesseln entbunden folgen sie wild, nach langer Entbehrung, ihrem geselligen Triebe, und der Tag des Todes wird ihnen ein bräutlicher Tag. So ging die todte Materie von Lebenskraft beseelt, durch eine zahllose Reihe von Geschlechtern, und derselbe Stoff umhüllte viel- leicht den göttlichen Geist des Pythagoras, in dem vormals ein dürftiger Wurm im augenblicklichen Genüsse sich sei- nes Daseins freute."

„Geh Polykles und sage dem Tyrannen, was Du ge- hört hast. Und Ihr, meine Lieben, Phradman und Skopas und Timokles tretet näher und näher zu mir. Ich fühle, dass die schwache Lebenskraft auch in mir den irdi- schen Stoff nicht lange mehr zähmen wird. Auch er fordert seine Freiheit wieder. Führt mich noch einmal in

Vorwort. XV

den Poikile,15) und von da an das offene Gestade. Bald werdet ihr meine Asche sammeln."16)

Angesichts eines solchen entschiedenen Widerspruchs in den Ansichten eines und desselben, bis jelzt unüber- troffenen Naturforschers, die keine Vermittelung oder Aus- gleichung zulassen und sich gegenseitig die Waage halten, bedarf es im Grunde nur einer geringen Gewichts-Zulage, um die eine oder die andere Schaale zum Sinken zu brin- gen. Zu diesem Behüte stellen sich aber zahlreiche be- rühmte Autoritäten zur Auswahl dar. Um jede, etwa mög- liche Einrede von Parteilichkeit abzuschneiden, wählen wir hier nur Einen der ersten Koryphäen der Arzneikunst, welcher seine, mit Kuhm und Orden geschmückte 17) medi-

15) Das Poikile (Pöcile) war die Halle der Stoiker, und führte diesen Namen von den zahlreichen Gemälden und Statuen, womit es geziert war.

16) Im ersten Bändchen der „Ansichten der Natur" von demselben Verfasser, worin der „Rhodische Genius" den Schluss des Zweiten aus- macht, stössen wir (S. 39) schon auf eine merkwürdige Zusammenstellung und Verwechselung von organischen und unorganischen Dingen, indem er sagt: „Was unsichtbar die lebendige Waffe dieser Wasserbewohner (der Zitteraale) ist; was, durch Berührung feuchter und ungleichartiger Theile erweckt, in allen Organen der Thiere und Pflanzen umtreibt, was die weite Himmelsdecke donnernd entflammt, was Eisen an Eisen bindet, und den stillen wiederkehrenden Gang der leitenden Nadel lenkt; Alles, wie die Farbe des getheilten Lichtstrahls, fiiesst aus einer Quelle; Alles schmilzt in eine ewige, allverbreitete Kraft zusammen." Diese materialistische Ansicht wird näher erläutert durch die dazu gehörige Note (41), worin es heisst: „In allen organischen Theilen stehen ungleichartige Stoffe mit ein- ander in Berührung. In allen ist das Starre mit dem Flüssigen gepaart. Wo also Organismus und Leben ist, da tritt elektrische Spannung oder das Spiel der Voltai'schen Säule ein." Man möchte dabei nur die Frage auf- werfen: warum dieses elektrische Spiel sofort aufhört, wenn der höhere Lebensfunken ausgelöscht ist und bei der noch fortbestehenden Paarung des Starren mit dem Flüssigen die zersetzende Chemie ihre Herrschaft antritt?

17) Wir wollen dem würdigen Hufeland, der angeblich niemals den Katheder bestieg, ohne sich mit seinen zahlreichen Orden geschmückt zu haben, eine massige Dosis Eitelkeit, die Jeder mehr oder weniger be- sitzt, keineswegs zum Vorwurf machen. Aber es wird uns erlaubt sein, darin ein Hauptmotiv zu dieser Brochure zu vermuthen. Der, in allen Welttheilen, als Stifter einer neuen Schule, gefeierte Hahnemann besass, so viel wir wissen, keine einzige Dekoration dieser Art.

XVI Vorwort.

zinische Laufbahn damit schloss, dass er sich in einer Brochure: „Die Homöopathie" (Berlin 1831) nicht nur als ein Gregner derselben aussprach , sondern ihr gar noch Mängel aufzubürden suchte, die in der That nicht vorhan- den waren. Was übrigens die Stellung des hier bezeich- neten Hufeland gegenüber Humboldt anbelangt, so darf nicht vergessen werden, dass gerade in diesem Punkte dem Ersten, als Sachkenner, ein grösseres Gewicht beizulegen sein dürfte, als dem Zweiten, welcher sich nur überhaupt als tiefdenkender Naturforscher ausspricht , und aus mate- rialistischen Versuchen materialistische Folgerun- gen zieht, ohne sie weiter an den Erscheinungen des Le- bens, denen sie doch angehören , zu prüfen. 18) Hören wir daher nun auch, was Hufeland sagt:

„Es giebt ein Reagens" sagt er in seinen „klei- nen medizinischen Schriften" Band IH, Seite 472 „was feiner ist, als die feinsten chemischen Reagentien, und das ist das Reagens des lebenden menschlichen Körpers.19) Das, was wir Reizbarkeit oder Erreg- barkeit des lebenden Organismus nennen, ist durch eine Menge Einflüsse und Agentien afficirbar, die für die gewöhnliche Chemie gar keinen Berührungspunkt und folglich auch keine Existenz haben.20) Noch höher

18) „Alles" versichert Humboldt in den Vers, über die gereizte Musk.- und Nerv.-Faser II, S. 49 „was in der organischen Materie vorgeht, kann nach mechanischen und chemischen Gesetzen beur- theilt werden "

19) Selbst Pfaff, der heftigste Vertreter der chemisch-materiellen Arz- neimittellehre, findet sich zu der Aeusserung gezwungen, dass der lebende Organismus in jeder Hinsicht das feinste Reagens ist, welches durch seine Veränderungen auch die kleinsten Verschiedenheiten in dem Grade und in der Qualität anzeigt, selbst da noch, wo die Chemie nichts mehr nachzu- weisen vermag.

20) Dass der Hund- vermöge seines feinen Geruchsorgans im Stande ist, im vollen Laufe der Fährte eines Wildes zu folgen, Das mag man vielleicht erklären können. Wie es aber möglich ist, dass der gute Jagd- oder Leit-Hund auf der Fährte erkennen kann, ob diese vorwärts oder rückwärts läuft, und bei Kreutzungen mit Andern von dersel- ben Art nicht irre wird, das würde, wie uns scheint, ein treffliches Thema für eine materialistisch-physiologische Untersuchung abgeben.

Vorwort. XVII

kann diese Empfänglichkeit steigen, wenn der Orga- nismus sich im kranken Zustande befindet, und ich bin überzeugt , dass man manchen Kranken, besonders manche Nervenkranke, als wahre Mikrometer für diese Untersuchung der Natur betrachten und benutzen könnte und sollte.21) Und so muss also der Arzt, dessen Wir- ken im Lebenden ist, auch die ganze Natur und ihre mannichfaltigen Produkte und Einflüsse nach diesen Ver- hältnissen des Lebens prüfen und schätzen, und durch sorg- fältige und wiederholte Erfahrungen die feineren Kräfte und Eigenschaften derselben durch das Reagens des Lebenden bestimmen.22) Dies ist die wahre Analyse der Arzneimittel, und jede Anwendung derselben ist eigentlich ein solches Experiment; nur schade, dass die meisten Aerzte bei Behandlung der Kranken diesen Ge- sichtspunkt zu wenig beachten. Hierzu gehört aber, dass man die zu prüfenden Körper23) erst auf den gesunden Organismus wirken lässt, und beobachtet, wie er sich dagegen verhält, dann die W i r k u n g e n auf den K r a n k e n und dessen verschiedene Modifikationen, und zuletzt auf die Individuen und die verschiedenen Konstitutionen genau und unbefangen untersucht."24)

Siquideni canes illi etiara elapsa die integra a transitu ferae ab efflu- viis illis afficiuntur, quae terrae vel gramini inhaesere tarn brevi tempore, quam erat illucl, quo fera trausibat.

P. Lana de mot. transpir. I, 2.

21) Das Koloquinten-Mark wirkt schon als Purgirmittel, wenn man es in der Hand warm werden lässt.

22) Eine der unbegreiflichsten, aber mehr als vollständig belegten Thatsachen ist die Verfolgung und Entdeckung von Mördern durch Jac. Aymar im Sommer 1692 von Lyon bis Beaucaire, 45 französische Lieues entfernt, welche damals ungeheures Aufsehen erregte.

23) Man hat vielfach die Imponderabilien als Dinge angesehen, welche ihrer Feinheit wegen die materiellen Körper durchdringen und also an dem Leben in der Natur betheiligt sind. Daher rechnen Einige auch die Seele (die Lebenskraft) dazu, wie Vossius (de lue. nat. XIII, 29) sagt: Lux, sonus, anima, odor, vis magnetica, quamvis incorporea, sunt tarnen aliquid.

24) Bereits seit mehr als 250 Jahren ist es bekannt, dass durch Rei- ben verschiedener Körper: Glas, Schwefel, Siegellack, Harz, Bergkrystall,

XVIII Vorwort.

Wir haben diese, mit den Ansichten und Lehren der Homöopathie so sehr tibereinstimmende Stelle ganz aufge- nommen, weil wir nirgends sonst in den Schriften Hufe- lands in gedrängter Kürze so viel Wahres und Beher- zigungswerthes gefunden haben. Wie darin nämlich im Anfange der lebende Organismus weit über die Chemie gestellt und Diese in ihre gebührende Schranken zurückgewiesen wird, so wird gleich darauf noch besonders hervorgehoben, dass die Reaktions-Fähigkeit des Le- bens durch Krankheit noch mehr gesteigert wird, daher den Arznei-Reiz um so leichter empfindet, mithin um desto kleinere Gaben Einfluss üben können. Ferner sagt er, ganz wie wir, dass die arzneilichen Einwirkungen jeder Art nur allein durch das Reagens des Lebens zu er- kennen und zu bestimmen sind, und endlich spricht er noch entschieden die Notwendigkeit aus, die Arzneien zuerst am Gesunden zu prüfen. Was hier etwa noch fehlt, um im Wesentlichen alle Grundsätze der Homöopathie, mit Ausnahme des Similia Similibus, vollständig auszuspre- chen und zu billigen, Das findet sich in demselben Werke (Band II, S. 417), wo er sagt: „dass es eigentlich immer die Natur ist, was die Krankheiten heilt, indem die Kunst nur in so fern Antheil hat, als sie die Natur zu leiten und ihr zu Hülfe zu kommen versteht; und wir wollten zweifeln, dass es gewiss unendlich besser ist, dies grosse Geschäft gar nicht zu stören, als sie durch un-

Edelsteine, Alaun und Steinsalz, Elektrizität hervorgebracht wird, mithin ein Stoff, den die Chemie nicht darin finden konnte. Dürfen wir uns dann wundern, wenn auf demselben Wege noch andere Imponderabilien erweckt werden können?

Ganz eigenthümlich war die Prüfung der Arzneien bei den arabischen Aerzten, wie solche noch in sehr späten Zeiten Geltung hatte und in einem Traktate von Aben Guefith gelehrt wird. Darnach lassen sich deren Kräfte meistentheils aus dem Geschmack erkennen. Der bittere, scharfe und sal- zige Geschmack zeigt Hitze, der herbe, saure und zusammenziehende Ge- schmack Kälte, und der süsse und fettige Geschmack eine mittlere Tempe- ratur an. Dies bestimmte die Anwendung derselben.

Color pallidus insipidum, viridis crudum, luteus amarum, ruber acidum, albus dulce, niger ingratum indicat. Linne.

schickliche und gewaltsame Mittel irre zu machen, ihre Bewegungen zu missleiten, und mit einem Worte, es ohne gehörige Kenntniss besser machen zu wollen, als sie?"25)

Von dem obersten Grundprinzip der Homöopathie (Similia Similibus!), wovon auch der Namen dieser neuen Doktrin in der Arzneiwissenschaft entnommen ist, würde es überflüssig sein, hier Etwas zu erwähnen, indem in den Glossen selbst oft genug davon die Rede ist und nicht wenige Beispiele vorkommen, wo das Heilverfahren des Altvaters der Medizin selbst dieses Prinzip zur Ausführung gebracht hat. Eben so findet sich an verschiedenen Stellen darin theils die Unnahbarkeit, theils die Unausführbarkeit des Contraria Contrariis nachgewiesen. Die Erfahrung spricht sich überall, wo Leben ist, für den ersten Grund- satz aus, und wenn auch eine rein theoretische Begründung desselben zur Zeit noch Manches zu wünschen übrig lässt, so müssen wir es doch mit einem neueren Naturforscher für „eine wahre Impertinenz halten, wenn man verlangt, dass die Erfahrung durch die Wissenschaft gerecht- fertigt werden soll."

Ueber den wahren Werth oder Unwerth der Homöo- pathie kann ebenfalls nur allein die Erfahrung entschei- den, und einem warmen und treuen Anhänger derselben, der seit Jahren alle seine Kräfte dieser Wissenschaft zu- gewendet hat, würde es am Wenigsten ziemen, dem Urtheile der Nachwelt vorgreifen und sich darüber aussprechen zu

25) Obwohl jeder Arzt in thesi mit gläubiger Verehrung von der Heil- kraft der Natur spricht, in praxi verlässt sich keine Seele darauf.

Goldschmid.

Die Heilung muss eben so sehr von Innen ausgehen, wie die Krank- heit ihre Möglichkeit im Innern hat und von Innen nach Aussen ins mate- rielle Substrat vorgedrungen ist; es kann derselben wirksam nur von In- nen begegnet werden; alle Mittel, welche die Medizin anwendet, können nur darauf berechnet sein, die lebendige Kraft des Organismus, im Gegensatze gegen die feindliche Wirkung in ihm, zu verstärken und zum Durchbruch zu bringen.

Dr. Bicking, d. Prinz, d. Med., S. 51.

wollen.26) Nicht einmal die Zeugen und Zuschauer eines Kampfes, geschweige denn die Theilnehmer daran, sind als Neutral zu erachten; sie werden sich vielmehr stets zu der einen oder der andern Partei hinneigen, und wenn von beiden Seiten Alles aufgeboten wird, um den Sieg zu er- ringen, so kann eine richtige Entscheidung nicht früher erwartet werden, als bis die Gemüther wieder beruhigt sind und mit kühler Besonnenheit die beiderseitigen Re- sultate erwogen werden.27) Wir sehen ja hier, wie bei allen ähnlichen Meinungsverschiedenheiten und Verstandes- kämpfen, wie sehr man überall bemüht ist, auf Kosten des Gegners seine eigenen Ansichten zu vertheidigen. 28) Aber gleichzeitig erblicken wir leider! auch oft genug, wie nur zu häufig alles Maass überschritten wird, wie man mit Waffen kämpft, welche weder der Sache, noch der Perso- nen würdig sind, die sich daran betheiligen. Am Scho- nungslosesten werden unter diesen Diejenigen der Zensur der Nachwelt anheim fallen, welche den absichtlichen Skep- tizismus auf die äusserste Spitze treiben, oder gar That- sachen in Abrede stellen, die sich wirklich ereignet haben und noch täglich

26) Es giebt Irrthümer, die so alt sind, als das Forschen nach Wahr- heit selbst; aber jede Zerstörung eines Irrthums ist ein Schritt zur Wahrheit. Prof. Dr. Heinroth über d. Mater. Vorw.

27) Man muss die Irrthümer der Menschen etwa 40 bis 50 Jahre nach der Zeit, in der sie herrschten, untersuchen, um ihre Ungereimtheit einzu- sehen. Rusch, Sammlung IV, 2.

28) Durch das Disputiren erhält das Publikum nur ein Amüsement, aber die Wahrheit keinen Gewinn, indem bekanntlich das Rechtbehalten etwas ganz Anderes ist, als das Rechthaben. Das gewöhnliche Dispu- tiren kommt mir gerade so vor, als das ehemalige Duelliren zur Ergrün- dung der Wahrheit; der Unterschied ist bloss der, dass man sich hier der Degen, und dort der Sophismen und der Disputirkunst (literarische Fecht- kunst) bedient; übrigens aber in beiden Fällen, wer den Andern todt sticht oder todt schreit, behält Recht.

Hufeland kl. med. Sehr. II, 359.

29) Jo forse errai, meglio e errar che fermarsi.

Niolini in Aru. de Brescia. There was one Harvey who avouched a discovery of the circulation of the blood. And the World laughet, and then rebuked him; and finally,

Vorwort XXI

die Ausrede der Unwissenheit keinen Schutz mehr gewäh- ren; und der beharrliche Läugner wird dereinst in seiner Blosse dastehen, befleckt mit einem Prädikate, welches sich nur durch die Abwesenheit eines einzigen Vokals von die- sem unterscheidet. Dieses mögen Alle, sowohl Freunde, als Feinde, bedenken, welche sich zu blindem Eifer fort- reissen lassen, und Denen alle Waffen, unehrliche nicht minder, als ehrliche, Eecht sind, um ihre Sache zu ver- fechten. 30)

Bis dahin aber, dass die erforderliche Zeit verflossen ist, um die, zwischen uns und unseren Gegnern schwebende Streitfrage reif zu machen zum Spruche ; den unausbleib- lich dereinst die Nachwelt fällen wird, möge jede Partei ihre besten Kräfte darauf verwenden, um den Sieg zu er- kämpfen, und weder in ihrem, ohne Zweifel edlen Wett- kampfe um die Förderung des irdischen Wohlbefindens unserer Nebenmenschen nachlassen, noch durch Herbei-

for bis outrageous nonsense, punished him by depriving him of his prac- tice. There was one Jenner, who, having speculated upon the hauds of certain dairy-maids, theorized upon Vaccine virus, and declared tbat in tbe cow he had found a remedy for small pox. And tbe world shouted, and the wags were especially droll, foretelling, in their excess of witty fancies, the growth of cows horns from tbe heads of vaccinated babies. When it was declared that our streets shonld be illuminated by ignited roal gas the gas to flow under our feet the world laughed, and then checked in its nierriment, stoutly maintained that some night London, from end to end, would be blown up. Winsor, the gas-men, was only a more tremendous Guy Fawkes. When the experimental steamboat was first essayed at Blackwall, and went stern foremost, the river rang with laugh- ter. There never was such a waterman's holiday. When Stephenson was examined by the Parlamentiary sages upon ä railway project , by wich desperate people wereto travel at the rate of, aye, fifteen miles an hour, the Quaterly Review laughed a sardonic laugh , asking, with a killing irony, Would not men as soon be shot out of a gun, as travel by such means. Douglas Jerrold.

30) Aber nehmen Sie sich, ich bitte Sie, vor irgend einem Falsum dabei in Acht! Alle Schurkerei kommt an den Tag und brandmarkt mit unauslöschlichem Warnungszeichen. (Und dieses Zeichen soll ein Fuchs oder ein Affe sein, wie Lucian in seinem „Fischer" sagte.)

Hahnemann, Nota bene f. m. Rezens.

XXII Vorwort.

ziehung fremder Gewalten oder derartiger Ungehörigkeiten die Andere darin behindern.31)

In der Reihenfolge der hippokratischen Aphorismen vermisst man bekanntlich alle und jede systematische Anordnung; aber es stand uns nicht zu, hierin eine Aen- derung zu versuchen. So sehr Dieses auch in einer Hin- sicht durch die beständige Abwechselung der Gegenstände dazu beitragen mag, das Interesse des Lesers in fortwäh- render Spannung zu erhalten: so scheint es doch in einer Andern nöthig, den sonstigen mannichfachen Nachtheilen eines solchen Mangels an Ordnung, namentlich beim Nach-

31) Nur durch die Freiheit wird die Wissenschaft für das Leben fruchtbar. St.-Min. v. Beust.

„Einen ähnlichen Kampf (wie die Homöopathie)" sagt der Ver- fasser der ,,Volks-Heillehre" im Vorworte zum dritten Bande, „hatten auch andere Wissenschaften, z. B. die Theologie, zu bestehen. Welche von beiden Wissenschaften hat sich zu beklagen? Gewiss Keine. Die Zeit bringt Ruhe und Ordnung zurück; die Geister kühlen sich ab, und die neue Lehre behält entweder die Oberhand, verdrängt nach den Erwartun- gen und dem Wunsche ihrer Gründer die Alte, oder sie geht zu Grunde mit Hinterlassung mancher schätzbaren Grundsätze und Erfahrungen, oder, was am Wahrscheinlichsten ist, sie versöhnt sich mit der Alten, verschmilzt mit derselben. Die Wissenschaft hat dadurch nur gewonnen."

Mit Recht sagt der gelehrte K. Sprengel (Geschichte der Arzneikunde I, S. 272 d. 3. Aufl.) über die wissenschaftliche Bildung der alten Griechen, im Vergleiche zu den übrigen Völkern derselben Zeitperiode: „Ja, man kann sagen, die Griechen seien weiter als wir gekommen, weil sie freieren Sinnes waren, und weil ihren Untersuchungen keine vorgefasste, heilige Meinung, kein Verbot des Staats ein Ziel setzte."

Die Geschichte der Medizin wird der Nachwelt das kaum glaubliche, aber doch thatsächliche Curiosum aufbewahren, dass noch im Jahre 1S51 die medizinischen Fakultäten der Universitäten St. Andrew's und Edinburgh, so wie das Royal College of Physicians den Beschluss gefasst haben, hin- fort keinem Studenten der Medizin die Doktorwürde zu verleihen, bevor er nicht durch ein feierliches Versprechen angelobt hat , nie in seinem Le- ben die Homöopathie auszuüben. Und doch bestanden damals schon im London zwei reich ausgestattete hom. Spitäler, und unser Gesandter, der Ritter Dr. Bunsen, an der Spitze des Einen, neben vielen hochgestellten und angesehenen Theilnehmern.

Vorwort. XXIII

schlagen, abzuhelfen. In dieser Beziehung hat sich ohne Zweifel der Dr. Leveille (Hippocrate interprete par lui- menie. Paris 1818) ein Verdienst erworben, indem er sämmt- liche Aphorismen unter besondere (XXI) Rubriken ver- theilte, und am Rande das Buch und die Nummer anführte. Indessen musste er sich selbst trotzdem überzeugen, dass dadurch die Notwendigkeit einer ausführlichen Inhalts- Anzeige nicht hinreichend beseitigt werden konnte. Uns schien zu diesem Behuf e nicht nur die Letzte genügend, sondern auch die erste Anordnung um so weniger ange- messen, als in den Glossen Manches besprochen wird, was weniger zum Inhalte des betreffenden Aphorisms gehört, als vielmehr eben dadurch nur gelegentlich zur Sprache gebracht wurde. 32) Wir haben uns daher lediglich auf einen solchen alphabetischen Anzeiger beschränkt, welcher sowohl den Inhalt der Glossen, als den der Aphorismen angiebt und hoffentlich dem Zwecke genügend entsprechen wird.

Die Bearbeitung dieser Schrift selbst, die nur zur nützlichen Ausfüllung der, uns eben nicht reichlich zuge- messenen Mussestunden diente, hat uns zwar manchen, sehr angenehmen Zeitvertreib geboten. Wir befürchten aber, dass man es derselben nur allzu sehr ansehen wird, wie sie allmählich unter zahlreichen Unterbrechungen ent- standen ist und daher nothwendig an Gleichförmigkeit in der Behandlung der verschiedenen Gegenstände verlieren musste. Der geneigte und billige Leser wolle Dies in Be- tracht der angegebenen Umstände freundlichst entschuldi- gen ; dabei aber unserer Versicherung das Vertrauen schen- ken, dass in dem ganzen Buche nicht ein einziges Wort

32) Die grosse Mannigfaltigkeit des Inhalts dieses Buches dürfte daher nicht nur dem Geschmack und dem Interesse der verschiedenen Leser ent- sprechen , sondern auch den Ausspruch des alten Plinius bestätigen, den uns Plinius Caecilius (III, 5) in den Worten aufbewahrt hat: dicere enim solebat, nulluni esse librum tarn malum, ut non aliqua parte prodesset.

Vorwort.

steht, was nicht mit der vollsten und innigsten Ueberzeu- gung von der Richtigkeit und Wahrheit Desselben nieder- geschrieben wurde. 33)

33) Wir sagen mit Swift (Mährchen von der Tonne, zehnte Abtheilung): „dass dieses Werkchen die ganze Masse von Stoff urnfasst, den wir schon Jahre lang bei uns aufgesammelt haben. Unsere Gäste betrachten wir als ein guter Wirth, und wollen ihnen deshalb Alles in einem Gastmahle vor- setzen J denn wir lieben nicht die Aufbewahrung der Speisereste in der Speisekammer. Was die Gäste verschmähen, mögen die Armen erhalten. Hunde unter dem Tische sollen die Knochen bekommen."

Münster, im Januar 1863.

C. v. Böiminghaiiseii,

Sinnstörende Druckfehler.

Seite 58, Aph. 23, Linie 1, statt mageren, lies: Menge.

64, Anm. 97, Linie 1, statt Spenden, lies: Spender.

111, Anm. 60, vorletzte Linie, statt Theorie, lies: Therapie.

242, Anm. 1, Linie 3, nach Dauerhaftigkeit einzuschalten: der An- steckungsfähigkeit.

. 257, Linie 11 von unten, statt ein, lies: kein.

409, Linie 12 von oben, statt ist, lies: scheint.

I. Buch.

1. Das Leben ist kurz, die Kunst lang; die Gelegenheit flüchtig-, der Versuch gefährlich; die Beurth eilung schwierig. Es genügt nicht, dass wir Aerzte das Er- forderliche leisten: der Kranke selbst und seine Uni- gebung, eben so wie die äussern Unistände müssen, jeder das Seinige, zur Erreichung des Zweckes bei- tragen.

Mehr, als irgend einer der nachfolgenden Aphorismen, lie- ert der Vorstehende, der gleichsam zur Einleitung dient, reichhaltigen Stoff zu ernsten Betrachtungen.

Es würde freilich allzuweit führen, wenn Alles in ausführ- licher Weise besprochen werden sollte, wozu hier Anlass gebo- ten wird. Aber von dem Wichtigsten, was sich bei Durchlesung desselben jedem Unbefangenen von selbst aufdringen muss, möge doch einiges Wenige hier eine Stelle finden.

Der Aphorism zerfällt zunächst in zwei wesentlich ver- schiedene T heile, und spricht in dem

Ersten von der Kunst selbst, und in dem

Zweiten von der Anwendung derselben.

Wir wollen demnach die einzelnen Punkte einer kurzen Betrachtung unterziehen.

2 I. Buch. Aphorism 1.

1. Zuvörderst heisst es mit Recht: dass die Kunst eine lange ist1) gegenüber der Kürze des menschlichen Le- bens.2) Wenn man die Lebensdauer des Menschen, inso- fern sie der Erlernung und Ausübung der Kunst gewidmet wer- den kann, im Durchschnitte zu höchstens vierzig Jahren anschlagen darf, so ist diese Ziffer in der That eine sehr kleine im Vergleiche zur Dauer der Heilkunst, die bereits ein Alter von mehr als zweitausend Jahren erreicht hat.3) Aber die Arzneikunst hat dies gemein mit allen andern Wissenschaften, welche lediglich auf Erfahrung beruhen und aus dieser hervor- gegangen sind.4) Sie ist darin wesentlich verschieden von an- dern Doktrinen, die blos in der Vernunft oder Spekula- tion ihren Ursprung haben. Ein philosophisches System springt gewöhnlich fix und fertig, wie eine junge Minerva, aus dem Kopfe ihres Erfinders, freilich nur, um von einem spätem Weltweisen bald wieder vernichtet zu werden. Aber eine Natur-

1) Lucian, der in seinem Hermotimus diesen Spruch. des Hippokrates anführt, sagt nicht, dass die Kunst seihst, sondern der Weg, dazu zu ge- langen, lang ist; ein Ausspruch, der in der That auch heute noch voll- kommen wahr ist.

2) Eite et ordine feceris, si ah ingenii placitis ad Naturae scita te transtuleris, tibi non modo artem brevem, sed et vitam longam porrectura. Bacon. Impet. Philos. II.

3) Die wohlthätigsten Erfindungen bedürfen oft Jahrhunderte, um an- erkannt und vervollständigt zu werden. Humboldt, Kosmos, II, 199.

Pour naturaliser la pomme de terre en France, n'a-t-il pas fallu a Parmentier' tout l'ascendant d'un homme superieur, toute l'adresse d'un courtisan, toute la patience d'un predestine?

S. Cmte. Des Guidi, lettre aux med. franc.

„Als Pythagoras" sagte der witzige Lichtenberg, „den nach ihm benannten Lehrsatz erfand, opferte er den Göttern eine Hekatombe. Seit- dem brüllen alle Ochsen, wenn sie von einer neuen Erfindung hören."

4) Wie sehr unsere Vorfahren bemüht gewesen sind, bei den ältesten Schriftstellern täuschende Spuren von weit spätem Erfindungen aufzu- suchen, beweisst unter andern der Kompass, den einige in der Versoria des Plautus (in Merc. scen. 5. und Trinum. Act. 4. scen. 3.) haben erken- nen wollen.

Buch. Aphorism 1. 3

Wissenschaft, wie die Arzneikunst, bedarf nicht nur der Erfahrungen vieler Einzelnen, sondern auch einer derartigen Aufbewahrung der verschiedenen Ergebnisse derselben, dass sie auch der spätesten Nachwelt brauchbar bleiben.

In dieser Beziehung steht sie genau in derselben Linie mit allen übrigen Naturwissenschaften, und wenn im letzten Jahr- hundert sowohl die Botanik, als die Chemie, die Arzneikunst so unendlich weit überflügelt hat: so liegt der Grund lediglich darin, dass man sich in Jenen gegenseitig vollkommen versteht, und dass die Entdeckungen jedes Einzelnen derartig klar und bestimmt aufgezeichnet sind, dass sie für immer einen zweifel- losen und nützbaren Bestand theil des überlieferten wissenschaft- lichen Schatzes ausmachen.5)

Dass diesem nothwendigen Erfordernisse bei der Arznei- wissenschaft keineswegs Genüge gethan ist, werden wir im Ver- laufe dieser Schrift leider! oft genug Veranlassung finden nach- zuweisen.6)

2. Die Gelegenheit, Hülfe zu bringen, ist, namentlich in schnell verlaufenden (akuten) Krankheiten, oft überaus flüchtig. Wenn der richtige Zeitpunkt versäumt wird, gleich- viel ob durch Nichtsthun, oder (noch schlimmer) durch Ver- kehrt thun, so steigert sich oft die Gefahr von Minute zu Minute, bis am Ende die Rettung unmöglich geworden ist.7)

5) Thom. Sydenham hat schon (Op. I.) das Beispiel der Botaniker den Aerzten als Muster für die Behandlung ihrer Nosologie aufgestellt, indem jene nach gewissen äusseren Merkmalen die Pflanzen zu ordnen pflegen. Aber noch wichtiger ist eine ähnliche Behandlung der Therapie, wobei es sich nicht blos um die Kenntniss, sondern auch um die Heilung der Krank- heiten handelt.

6) Voiei maintenant un guide bien plus sur quelle fil de cette prin- cesse (Ariadne); avec Tun on pouvait retourner sur ses pas, avec l'autre on avancera toujours. F. Perrussel, Therap. 21.

7) Galenus sagt sehr richtig (Com, II. in Eorrh. 16): „So lange eine Krankheit noch im Entstehen und noch nicht völlig ausgebildet ist, lässt sie sich schnell heben, indem man ihre Ursache beseitigt; ist sie aber ein-

1*

4 I. Buch. Aphorism 1.

Hier handelt es sich also um ebenso schleunige, als rich- tige therapeutische Einwirkung auf den Erkrankten, mithin um augenblickliche Entscheidung8) über das, dem Zustande entsprechende Arzneimittel, und zwar nicht auf Grund diagno- stischer Vermuthungen, sondern, wo immer möglich, auf die genaueste und vollständigste Kenn tniss der Anzeigen, sowohl am Kranken, wie an den Heilmitteln. Da nun die Sym- ptome der Krankheit bei jedem Falle nur durch sorgfältige Auffassung ihrer individuellen Charakteristik und Eigen- thümlichkeit erforscht und aufgenommen werden können: so muss der Arzt schon im Voraus mit dem individuellen C h a r a k- ter und der Eigenthümlichkeit seiner Heilmittel in dem Maasse bekannt sein, dass er unverzüglich im Stande ist, das Angemessenste zu wählen und darzureichen. Bei solchen Gele- genheiten, die vorzugsweise das Prädicat flüchtig verdienen, ist ohne Zweifel das Wichtigste und Nothwendigste : eine voll- ständige Kenn tniss der individuellen Arznei-Kräfte, ver- bunden mit der, eben nur hiedurch und durch längere Uebung erlangten Fähigkeit der Erforschung der jedesmal maass ge- benden Zeichen. Wenn in solchen Fällen der behandelnde Arzt noch lange studiren und nachschlagen soll, dann kommt oft die beste Hülfe zu spät, und es werden Wochen und Monate erfordert, wo hingegen der erfahrene Arzt in Stunden und Tagen seinen Zweck erreicht.9)

mal vollendet, so wird man vergeblich die Ursache wegnehmen und da- mit für die Heilung derselben nichts mehr ausrichten."

Si la doctrine de Hahnemann se montre si puissante lors m§me que la sante des malades a ete profondement altere, que ne doit on point esperer de cette medecine, 'lorsque Ie jour sera venu ou les hommes im- ploreront son aide des le debut de leurs maladies.

Dr. L. Malaise, clin. hom. p. 119.

8) Si in prineipio, ubi irnbecillus maxime morbus, medicus liaud in- stat, ubi progressu temporis ille invaluerit, vana est curatio.

Aretaeus de cur. diut. I. 12.

9) Curae priores esse debent in signis morbos fintfvertentibus.

I. Buch. Aphorism 1. g

Noch schlimmer steht es mit dem Verkehrtthun! Es ist leicht begreiflich, dass jedes Arzneimittel, welches dem Krankheitszustande nicht entspricht und diesen daher unbe- rührt lässt, eben vermöge seiner Wirkungsfähigkeit auf das Befinden des Menschen der ursprünglichen Krankheit noch eine oder andere Störung hinzufüge, mithin den Kranken noch kränker machen muss.

Man erkennt dies am deutlichsten bei solchen Patienten, die lange in den Händen ungeschickter Aerzte gewesen, und mit vielen und vielerlei unpassenden Arzneien behandelt wor- den sind.10) Da ist häufig von der anfänglichen Krankheit kaum noch eine Spur mehr zu entdecken, aber das allmählich enstandene Siechthum weit schlimmer geworden und gestaltet sich nicht selten zu einem Zwitterdinge von natürlicher und künstlicher (Arznei-) Krankheit, wofür auch die zu- sammengesetzten gelehrten pathologischen Namen nicht mehr ausreichen.11) Dies sind die Fälle, die am häufigsten dem Arzte die grössten Verlegenheiten verursachen. Er muss mei- stens zunächst mit antidotarischen Mitteln den Rückweg einschlagen, findet aber überall Hindernisse zu beseitigen, welche die Besserung verzögern und, ohne seine Schuld, die Geduld des unglücklichen Patienten auf die härtesten Proben stellen. Das Alles würde aber vermieden sein, wenn der erste Arzt

Non enim omnes evadunt juxta Hesiodum morbi tacentes, quia vocem abs- tulit sapiens Jupiter, sed plurimi veluti nuntios, et praecursores, et prae- eones habent, indigestiones et languores in motu.

Plutarch. prae. san.

10) Der grösste Theil der Arzneien wird richtiger adressirt als be- stellt. Auf den Strassen, die sie zu passiren haben, sind die Posten, die ersten Stationen etwa abgerechnet, noch gar nicht so regulirt, wie man wünscht. Lichtenberg's Hogarth, PI. IL

11) „In vielen Fällen", sagt Kieser in seinem System der Medi- zin — „wird daher der alte Spruch wahr, dass das Arzneimittel oft schäd- licher als das Uebel, und der Arzt schlimmer als die Krankheit ist."

(3 I. Buch. Aphorism 1.

gleich von vornherein die richtige, und nicht die verkehrte Arznei angewendet hätte.12)

3. Der Versuch ist gefährlich! Ein inhaltsschweres, von jedem wohldenkenden Arzte wohl zu beherzigendes Wort, besonders da, wo es sich um das edelste der irdischen Güter, um die Gesundheit handelt.

Es versteht sich von selbst, dass hier nur von Versuchen am Kranken die Rede sein kann, und zwar in zweierlei Weise. Einmal nämlich da, wo das Wesen und die Natur einer Krankheit von solcher Beschaffenheit ist, dass sie nicht mit Sicherheit zu erkennen, sondern nur zu vermuthen ist. Andermal aber, wo man Mittel in Anwendung zieht, deren Kräfte man nicht vollständig kennt, und worüber die bis- herigen Erfahrungen sich noch nicht genügend ausgesprochen haben. In beiden Fällen bleibt sich die Gefährlichkeit des Ver- suchs ziemlich gleich. Die seither gewonnenen Kenntnisse von den Kräften der Arzneien haben ohne Zweifel bei ihren versuchten Anwendungen zahlreiche Opfer gekostet, und manche neu eingeführte Mittel werden, wenn es so fortgeht, deren noch viele kosten. Ebenso sind auch durch Verkennung der Krankheit zahlreiche Menschenleben zu Grunde gegangen, wie in den Annalen der Medicin solches zur Warnung aufbe- wahrt ist. 13)

12) Viele unserer heutigen Therapeuten scheinen sich zu der Secte des Pyrrho hinzuneigen, welche Alles bezweifelte, seihst ihr eigenes Dasein.

13) Die Verschiedenheiten unter den lebenden Geschöpfen sprechen sich unter andern auch in dem Einflüsse der Arzneien und Gifte auf einzelne Arten derselben aus. Das Pferd verträgt eine überaus grosse Dosis Arsenik, aber vom Phosphor kaum so viel als ein neugebornes Kind. Das spre- chende und betende Thier, woran Blumenbach nur das mentum promi- nulum als durchgreifendes Unterscheidungsmerkmal von allen andern Thieren fand, hat ausserdem viele andere wichtige Eigenthümlichkeiten, welche es vom Hunde unterscheiden, womit man jetzt Prüfungen von Arzneien an- stellt, nachdem man aufgehört hat, daran, wie zu Hallers Zeiten (in Tu-

I. Buch. Aphorism 1. 7

Wie unendlich verschieden verhält sich dies in beiden Fällen bei der Homöopathie!

Wenn uns auch im ersten Falle die Natur und das Wesen der vorliegenden Krankheit nicht ganz klar ist: so haben wir jederzeit für die Wahl des Mittels die Gesammt- heit der charakteristischen Symptome, die wenigstens hinreichend sind, um einen groben Fehlgriff zu vermeiden. Und sollte einmal in der That ein solcher gemacht sein, so ist,

hingen) die Anatomie zu lehren, wie früher an Schweinen, denen kleine Gaben Pfeffer tödtlich sind. Hunde, Katzen und Kaninchen sind heutigen Tages die Sündenböcke der Aerzte, während die Homöopathen ihre Arznei-Prüfungen an sich selbst anstellen, aber deshalb auch un- endlich zuverlässigere Resultate erzielen.

In sehr verschiedener Weise wirken Arzneien und Gifte auf die verschiedenen thierischen Organismen, und dies darf nicht ausser Acht ge- lassen werden, wenn man durch Versuche an Thieren die Kräfte derselben ermitteln will. Es wird genügen, davon beispielsweise einiges hier anzu- führen:— Aloe ist für Hunde und Füchse ein starkes und schnell tödten- des Gift. Kockelkörner (Menispermum Cocculus) tödtet Fische und Läuse. Wasserschierling (Cicuta virosa) tödtet die Pferde, (nicht die Kühe?) Gemswurz (Doronicum Pardalianches) ist für Gemsen, Ziegen, Lerchen (und Schwalben?) unschädlich, tödtet aber Hunde, Füchse und Wölfe. Pfeffer ist für Schweine ein starkes Gift. Der Samen von Petersilie tödtet die meisten Vögel. Den Samen des Fleckenschierlings (Conium macnlatum) fressen Stahre olane Nachtheil; wogegen die Schweine vom Kraute wüthend und die Pferde schwindlich und betäubt werden. Den Samen des Stechapfels (Datura Stramonium) fressen die Fasanen, und den des Taumellolchs (Lolium temulentum) die Wachteln, unbeschadet. Bilsenkraut (Hyosciamus niger) ist unschädlich für Kühe, Schafe, Schweine, Pferde und Hunde, nicht aber für Gänse, Mäuse und Fliegen. Tollkraut (Atropa Belladonna) wird von Schafen ohne Nachtheil gefressen. Der wilde Körbel (Chaerophyllum silvestre) tödtet die Kühe, während er den Eseln nicht schadet. Die weisse Niesswurz (Veratrum album) bekommt den Wachteln, Ziegen, Mauleseln gut. Der Sturmhut (Aconitum Napellus) tödtet Kühe, Schafe und Ziegen, dagegen die Pferde und Hunde nicht. Die Antimonialien schaden den Pferden und Hunden fast gar nicht, selbst in grösseren Gaben. Vom Arsenik verträgt das Pferd eine grössere Quan- tität als jedes andere Thier, erliegt aber kleinen Gaben Phosphor. Das Schwein verträgt ohne Nachtheil eine beträchtliche Menge Krähenaugen (Nux vomica), wovon der zehnte Theil den stärksten Menschen tödten würde.

g I. Buch. Aphorism 1.

abgesehen von der etwa verlorenen Zeit, der Nachtheil uner- heblich, weil die Arzneigabe so klein ist, dass sie nur unter der Bedingung der homöopathischen Aehnlichkeit Wir- kung thut, ohne diese aber gänzlich indifferent bleibt und in dem Befinden nichts Erhebliches ändert. Von positivem Nach- theil kann daher hier niemals die Rede sein.14)

Im zweiten Falle, wo die Kräfte einer arzneilichen Substanz noch unbekannt sind, stellt sich die Sache für uns noch günstiger, indem wir solche niemals und unter keiner Bedingung aufs Gerathewohl anwenden und an- wenden können.

Es steht nämlich in der Homöopathie als unabänderliche Regel fest, dass jedes Arzneimittel, bevor wir uns dessen zur Heilung von Krankheiten bedienen, zuvor an gesunden Per- sonen, niemals an Kranken, versucht sein muss, um die demselben eigenthümlichen, durch keinerlei etwaige Krankheit modificirten Kräfte genau in allen ihren Nuancen kennen zu lernen. Diese, zwar oft den Prüfenden nicht wenig belästigen- den, aber sonst ungefährlichen Versuche, die jedem wahren Homöopathen zur ernsten Pflicht gemacht sind, sowie die dadurch gewonnenen Resultate setzen uns in den Stand, auf den Grund

14) „Man traut seinen Augen kaum" sagt Krüger-Hansen in seiner Schrift: Normen für die Behandlung des Kroup, „wenn man liest, dass Marcus bei Kindern mit den Gaben des Calomels bis auf 400 Gran stei- gen, und nebenbei noch mehrere Loth Quecksilbersalbe einreiben las- sen will."

Es wird noch lange währen, bis die neuesten Entdeckungen, sogar auf dem Gebiete der Chemie selbst, im Stande sein werden, den dominirenden Abderitismus von seiner Ideen-Association mit massigen Stoffen abzu- bringen. Dr. v. Grauvogl, d. hom. Aehnlichk.-Gesetz, §. 81.

Ueber die Giftigkeit des Merkurial-Speichelflusses lesen wir eine merk- würdige Thatsache in dem „General-Sanitäts-Berichte von Schlesien für das Jahr 1831 und 1832, S. 138." Ein Hund nämlich leckte den, durch 30 Gran Calomel in 48 Stunden hervorgerufenen, mehrere Unzen betragenden Speichel seines Herrn auf, erkrankte gleich darauf und krepirte nach 24 Stunden,

I. Buch. Aphorism 1. 9

des, als Naturgesetz erkannten und bewährten Fundame n- tal-Princips der Homöopathie (Similia Similibus) das Heilmit- tel anzuwenden. Wo mithin diese also erlangte Bekannt- schaft mit der in di vi d uellen Wirksamkeit einer Arznei-Sub- stanz noch nicht erworben ist, kann und darf kein Homöopath dieselbe anwenden, und jeder dem entgegen stehende Versuch am Kranken selbst, ist von der Wissenschaft auf das Strengste v erpönt. 15)

Die Gefährlichkeit des Versuchs, in dem beidersei- tigen Sinne, wie er hier nur genommen werden kann, kommt mithin bei uns vollkommen zum Ausfall.

4. Die Beurtheilung schwierig. Zu dieser Schwierig- keit der Beurtheilung, in solcher Allgemeinheit ausgesprochen, gehören ebenfalls zwei, wesentlich unter sich verschiedene Momente, nämlich: die therapeutische Wahl der Mittel und die Prognose.

Was zuvörderst die Wahl der Mittel betrifft, so bietet solche dem Allopathen auf der einen Seite allerdings einige Schwierigkeiten, insofern es sich um zweifellose Sicher-

15) Galien ne se permettait de prescrire des remedes nouveaux ou inconnus, qu'apres en avoir fait l'essai sur lui Hieme. (Marquis Biogr med., IV. 320.) Dies wären also die ältesten Versuche mit Arzneien am Gesunden, wenn man nur wüsste, wo M. diese Notiz geschöpft hat, und ob sie überhaupt wahr ist.

In dem „amtlichen Berichte der 33. Versammlung der deutschen Naturforscher und Aerzte zu Bonn, im September 1857" lesen wir Seite 228: „Prof. Strempel erhob sich hierauf und sprach über die Verzweif- lung der jüngeren Aerzte in therapeutischen Heilungen, zu denen auch nicht die geringste Berechtigung vorliege. Heilungen geschehen durch die Natur oft genug, aber nicht minder stände die Heilung durch Arznei, selbst in grossen Gaben fest. Die jüngere ärztliche Generation möge der Erfahrung vertrauen, und nicht den Prüfungen der Arz- neien an Gesunden, welche nie zur Heilung durch Arzneien irgend etwas beitragen könnten. Die ganze Versammlung erhob sich, diesen Aussprüchen Beifall spendend." Soll das eine excusatio non petita, oder eine provocatio, oder gar beides zugleich sein?

10 !• Buch. Aphorism 1.

heit der Richtigkeit derselben handelt, dagegen auf der Anderen eine Bequemlichkeit und Leichtigkeit, welche dem Ho- möopathen keineswegs zu Theile fällt. Wenn nämlich, wie es in der That der Fall ist, dem Allopathen in der Regel für jede allgemeine Indication eine ansehnliche Reih e von Heil- mitteln zu Gebote steht,16) unter denen er n a ch Re lieben das Eine oder das Andere auswählen, und daneben noch Dies oder Jenes hinzufügen darf, um einigen besonderen Nebenanzeigen zu genügen, oder das Hauptmittel zu modificiren : so muss der Homöopath so lange nachforschen und vergleichen, bis er unter den verschiedenen, nach ihren Wirkungen ihm genau, bis ins feinste Detail hinein bekannten Arzneien die Einzige gefunden hat, welche nicht nur dem Hauptübel, sondern auch sämmtlichen Nebenbeschwerden am vollständigsten ent- spricht. Es begreift sich daher leicht, dass die Schwierigkeit der Reurtheilung auf der Seite der Homöopathie in dieser Reziehung weit grösser ist, als auf der der Allopathie, welche nicht in so engen Grenzen sich zu bewegen braucht, wie Jene, und diese daher für Gutbefinden und Willkühr einen weit freieren Spielraum zur Verfügung hat. Wenn man nun noch dabei erwägt, dass in sehr vielen Fällen, namentlich bei chro- nischen Krankheiten, bei der Homöopathie den Arzneien eine längere Wirkungsdauer vergönnt werden muss, mithin ein schnelles Wechseln derselben, wie die Allopathie solches gestattet, dabei durchaus nicht zulässig ist: so ergiebt sich aller- dings für Jene dadurch noch eine weitere Vermehrung der

16) Nam medicamenta illa, quae in officinis praestant, venalia, potius impromptu sunt ad intentiones generales, quam accomodota et propria ad curationes particulares ; siquidem speciatim nulluni raorbum magnopere re- spiciunt, verum generatim ad obstructiones aperiendas, concoctiones confor- tandas, intemperies alterandas pertineut. Atque hinc praecipue fit, ut env pirici et vetulae saepenumero in curandis morbis felicius operentur, quam medici eruditi, quia medicinarum probatarum confectionem et compositionem fideliter et scrupulose retinent. Baco de Verul. de augm. scient.

I. Buch. Aphorism 1. 11

Schwierigkeiten in der Wahl der Mittel, welche Diese nicht kennt. 17)

In Bezug auf die Prognose tritt aher das umgekehrte Verhältniss ein. Was im Allgemeinen über die grössere oder geringere Gefährlichkeit einer Krankheit, so wie über gün- stige oder ungünstige Zeichen18) im Verlaufe derselben durch die Erfahrung bekannt geworden ist, das Alles ist Gemein- gut für beide Schulen, und die eine benutzt dies nicht minder als die andere. Wo es sich aber um die Beurtheilung der speciellen Veränderungen und Modifikationen in den Zeichen und Symptomen handelt, wie sich solche im Fortgange und in den auf einander folgenden Stadien der Krankheit, in verschie- dener Weise dem Arzte darzustellen pflegen: da steht ohne Zweifel der Homöopath auf einem weit günstigeren und ge- sicherteren Standpunkte, als der Allopath.19)

17) Medicamenta autem, tum eorurn simplices facultates, tum si quae descriptae sunt, probe tibi memoria teneantur. In animi etiam ratione re-

ponantur, quae ad morborum curatioriem pertinent, eorumque modi, quot et quomodo in singulis se habeant. Hoc enim in re medica principium, medium et finem obtinet. Hipp. Coi praeceptiones. 24.

„Mit ihrer Verwissenschaftlichung" sagt Oesterlen in der Prager Vierteljahrsschrift, 1860, II. Bd. „hat die Medizin nahezu aufgehört, an die Machtvollkommenheit: aus Kranken Gesunde zu machen, zu glauben, weil sie an keine Wunder mehr glauben kann." Darauf bemerkt v. Gran- vogl, am a. 0. §. 98: „Ich hätte es kaum gewagt, in so scharfen Zügen die Haltlosigkeit und therapeutische Unfähigkeit der Allopathie oder phy- siologischen Medizin zu zeichnen, wie sie es hier selbst gethan."

„Es ist fast allemal" sagt Sprengel in seiner Geschichte d. Med. I, S. 492 „das Loos der Erfindungen des menschlichen Geistes, dass sie gleich nach ihrem Entstehen, als Gegenstände der Mode, zur Grundlage mannichfaliiger Theorien und Speculationen dienen müssen, die man in der Folge wieder verlacht, wenn die gemachten Erfahrungen berichtigt werden."

18) Omne symptoma signum est, non tarnen omne signum symptoma»

Fernel, de sympt. differ. L. II.

19) Wenn man Alles gehörig erwägt, so findet man zwischen der Allopathie und der Homöopathie nur einen einzigen, aber freilich sehr be- deutenden Unterschied, nämlich den ihrer beiderseitigen Materia medica.

12 I- Blich. Aphorism 1.

Vermöge seiner umfassenden und genauen Bekanntschaft mit den individuellen Kräften jeder Arznei, worunter viele nur einigen Wenigen, und dann auch nur unter besonderen Verhält- nissen zukommen, ist nämlich nur der Homöopath im Stande, mit der grössten Sicherheit zu heurtheilen, was ihrer Wirkung zuzuschreiben ist, und was nicht. Seiner Beobachtung kann es also nicht entgehen, wenn der Kranke während der Periode, wo er unter dem Einflüsse eines gegebenen Heilmittels steht, Symptome zu erkennen giebt, welche entweder innerhalb oder ausserhalb des Wirkungskreises desselben liegen. Er ver- mag mithin sofort zu erkennen, wenn fremdartige Zeichen zu den früheren hinzutreten (was ein böses Zeichen ist), oder wenn blos die früheren Zeichen nur eine etwaige Erhöhung erleiden (was ihm zu einer günstigen Prognose dient); und wenn nun gar die bedenklichsten Symptome allmählich abnehmen und, wie gewöhnlich zuerst wahrzunehmen, der Gemüths- zustand sich bessert, wobei dann gleichzeitig noch andere Zeichen sich einstellen, welche ihm von der regelmässigen Wirkung der Arznei unzweideutige Beweise abgeben: so kann er getrost einen günstigen Ausgang in Aussicht stellen. Wenn hingegen die alten Beschwerden unverändert Bestand halten, und nun gar neue Symptome hinzutreten, die der Patient früher

So wie Jene heutiges Tages diese wichtige Doctrin immer mehr zu ver- wirren scheint, und überall, wo es sich um positive Wirkungen der Heil- stoffe handelt, Fragezeichen auf Fragezeichen und Zweifel auf Zweifel häuft: so stellt Diese sie als das Wichtigste und Unentbehrlichste an die Spitze der Wissenschaft. Alle übrigen Zweige der Medizin gehören gleich- massig beiden Parteien an, und die dabei vorkommenden Unterschiede sind unerheblich und leicht zu vermitteln. Wenn daher von einem homöo- pathischen Lehrstuhle auf Universitäten die Rede ist, so würde sich die- ser Wunsch auf einen solchen für die homöopathische Arzneimittel-Lehre beschränken dürfen, welcher dann eben so für den angehenden Allopathen, als für den Homöopathen von dem unbestreitbarsten Nutzen sein, und viel- leicht am Meisten dazu beitragen würde, Frieden und Versöhnung zwischen den beiden, zum Nachtheil der Wissenschaft selbst sich fort und fort be- kämpfenden Gegnern herbeizuführen.

I. Buch. Aphorism 1. 13

nicht beobachtet, mithin die Arznei nicht die erwartete und beabsichtigte Richtung in ihrer Wirksamkeit eingeschlagen hat: so steht die Sache übel, und der Arzt hat alle Ursache, die Angehörigen auf die drohende Gefahr aufmerksam zumachen, wenn solche auch für den Augenblick noch entfernt zu sein scheint und der Uneingeweihte sie noch nicht im Entferntesten vermuthen kann. 20)

Das Vorstehende wird um so mehr hinreichen, nicht nur der Pflicht des Glossators Genüge gethan zu haben, sondern auch den Standpunkt desselben deutlich genug zu bezeichnen, als in der Folge noch mehrere andere Aphorismen ihm Ver- anlassung geben werden, seine, auf vieljähriger Erfahrung be- ruhende Ansicht und Ueberzeugung über diese und verwandte Gegenstände freimüthig auszusprechen.21)

Der zweite Theil des in Rede stehenden Aphorisms, welcher von der Ausübung der Heilkunst spricht, sagt in wenigen, aber bedeutungsvollen Worten, dass nicht allein der Kranke und seine Umgebung den Vorschriften des Arztes in allen Dingen auf's Strengste Folge leisten muss, sondern dass auch in den äusseren Umständen Alles zu beseitigen und zu vermeiden ist, was den bezweckten Erfolg zu beeinträchtigen im Stande sein könnte.

Das Erste bezieht sich demnach mehr auf den Gebrauch der verordneten Heilmittel, das Zweite auf die Diät im

20) In Bezug auf die Prognostik lese man in der Hygea (II. 368) den Verlauf der Krankheit des Baron Koller in Neapel, wo dessen (homöo- pathischer) Leibarzt, Dr. Necher, gegen das einstimmige Gutachten der acht besten (allopathischen) Aerzte dieser Stadt aus den Wirkungen der Mittel einen unglücklichen Ausgang zu prognostiziren im Stande war.

21) Was nützt eine spezifische Erkenntniss der Krankheiten, wenn wir nicht auch eine spezifische Erkenntniss der Arzneikräfte haben? Die- ser Mangel an spezifischer Arzneikunst ist gerade die Ursache, woran die Allopathie so schwach in der Kunst (zu heilen) und doch so gross in der Wissenschaft ist. Prof. Werber in Hygea. I. S. 150.

]4 !• Buch. Aphorism 1.

weitesten Sinne des Worts, und da in der Folge von beiden Gegenständen noch mehrmals Erwähnung zu machen ist: so werden hier ein Paar allgemeine Bemerkungen genügen.

In demselben Maasse, wie Niemand befugt ist, an der Ver- ordnung des Arztes, dem die Behandlung eines Kranken anver- traut ist, und der dafür die Verantwortlichkeit übernommen hat, eigenmächtig irgend etwas zu ändern oder zu modifiziren 22), so muss auch die Gewissheit vorliegen, dass die verordnete Arznei nach Quantität und Qualität die Richtige ist, und dass der Gebrauch derselben pünktlich in der, von Jenem vorgeschriebenen Weise geschieht. Jede Abweichung davon ent- lastet natürlich den Arzt von seiner Verantwortlichkeit und bür- det sie demjenigen auf, der dazu Veranlassung gegeben oder solche selbst ausgeführt hat. Da nun in der neueren und neuesten Zeit von der Allopathie fast niemals mehr ein ein- faches Arzneimittel angewendet wird, und eine ansehnliche Menge von sonstigen technischen Kenntnissen, so wie ein bedeutender Aufwand von Zeit und Gerät h Schäften dazu erforderlich ist, um die gebräuchlichen Präparate und Mi- schungen anzufertigen: so war es einerseits nothwendig, dass diese Last den Aerzten abgenommen und den besonders dazu angestellten Apothekern übertragen wurde, und ander- seits mit Dank anzuerkennen, dass diese dazu ihre Befähigung nachweisen müssen, zur genauen und treuen Erfüllung ihrer ern- sten Obliegenheiten in Eid und Pflicht genommen werden, und überdem einer steten Controle unterworfen bleiben.23)

22) Si le medecin est le ministre de la nature, il est le roi des ma- lades. Bruno, lex. Cast. a. v. Imperium.

23) Das waren noch die Zeiten des, in der Heilkunde einst allgemein herrschenden, groben und rohen Verfahrens, wo die Apotheken entstehen konnten, und sollte man sich nicht glücklich schätzen, dass endlich ein sorg- fältiges Verfahren in der Heilkunde begonnen hat und sich ausbreiten will? Es bedarf daher auch keines Nachweises weiter aus der Geschichte der Völker, der Heilkunde und der Apotheker, um die Notwendigkeit des

I. Buch. Aphorism 1. 15

Bei der Homöopathie gestalten sich die sämmtlichen, eben erwähnten Umstände und Rücksichten ganz anders. Die Arznei ist durchaus einfach und niemals zusammengesetzt,24) die Anfertigung leicht und ohne erheblichen Aufwand von technischen Kenntnissen; das rohe Material aus jeder guten Apotheke zu beziehen; das Präparat für lange Zeit aus- reichend und keinem Verderben unterworfen; der Geldwert« der jedesmaligen Gabe so gut wie Null; und endlich das Dis- pensiren höchst einfach und gleich an Ort und Stelle, am Krankenbette selbst zu besorgen. Dies alles macht die Dazwi- schenkunft des Apothekers vollkommen entbehrlich und über- flüssig. Wenn nun aber überdem in Erwägung gezogen wird, dass die homöopathischen Präparate an und für sich keiner nachträglichen C o n t r o 1 e mehr unterzogen werden können, weil sie jeglichem chemischen Reagenz längst entrückt sind; dass der vereidete Arzt25) dem Patienten viel näher steht, als

Selbstdispensirens für den homöopathischen Arzt zu rechfertigen; der bessere Heilversuch macht jede weitere historische Beweisführung unnöthig, und jetzt handelt es sich nun einmal nicht mehr um das blosse Gesundmachen der Menschen, sondern auch um die wissenschaftliche Feststellung dieser Thatsache, um die Zuverlässigkeit derselben in jeder Be- ziehung. Prof. Hoppe, die Dispensirfreiheit, S. 68.

Die Betrügereien und Verfälschungen der Arzneien waren von jeher gebräuchlich. Man schlage nur van der Sonde, Schaub und ähnliche Werke nach, wenn man sich von der Gefahr überzeugen will, in der man sich als praktischer Arzt fast täglich befindet.

Prof. Nolde in Huf. Journ. VIII, 1. S. 58.

24) Wer mich heute eine andere Arznei geben sieht, als ich gestern gab, und morgen wieder eine andere, der merke, dass ich im Heilver- fahren wanke (denn auch ich bin ein schwacher Mensch); sieht man mich aber zwei bis drei Dinge in einem und demselben Eecepte zusammen- mischen (es ist wohl auch ehedem bisweilen geschehen), der sage dreist der Mann ist in Noth, er weiss nicht recht, was er will er strauchelt, wüsste er, dass das eine das rechte sei, so würde er ja nicht das an- dere, und noch weniger das dritte hinzusetzen.

Hahnemann's kl. Sehr. I. S. 15.

25) Die einzigste und sicherste Controle gegenüber dem Arzte ist dessen vollständig geführtes Tagebuch über jeden seiner Patienten, wie solches

16 I- Buch. Aphorism 1.

der vereidete Apotheker; dass Jenem schon, wenn auch nur seines Rufes wegen, an der Richtigkeit und Wirksamkeit seiner Arznei weit mehr gelegen sein muss, als dem Letzteren26); dass überdem den Apothekern von vielen Gegnern der Homöo- pathie das Vertrauen auf homöopathische Gaben benommen ist, und er beider Kleinheit und Seltenheit derselben dabei un- möglich seine Rechnung finden kann: so ist nicht zu begrei- fen, wie noch heutigen Tags in einigen Staaten dem qualifizirten Arzte die natürliche Befugniss vorenthalten werden kann, die von ihm als passend anzuwendenden kleinen Arzneigaben mit eigenen Händen darzureichen, und gleichzeitig dem Leidenden noch besondere Rosten aufgebürdet werden, die ihm ohne den mindesten Nachtheil erspart werden könnten.27)

Was die Diät anbelangt, so wird sich später noch an mehreren Stellen Gelegenheit darbieten, darüber ein oder anderes Speciellere zu sagen. Es wird daher hinreichen, hier in der

Hahnemann als eine unerlässliche Pflicht aufgestellt hat. Wer ein Derar- tiges führt, der sollte billig von aller und jeder sonstigen Controle ent- bunden sein, indem nur der verworfenste Mensch, er möge nun Arzt oder Apotheker sein, sich hierbei Fälschungen zu Schulden kommen lassen könnte, welche das Gesetz nicht entdecken, und darum auch nicht bestrafen kann. Nur derjenige Arzt, welcher seine Pflicht so leicht nimmt, dass er entweder kein, oder ein unvollständiges Tagebuch führt, dürfte sich in dem nicht ehrenvollen Falle befinden, dass für ihn eine Ausnahme gemacht wer- den müsste, so lange die Aufsichtsbehörde dies für nöthig erachtet.

26) Weil dem Arzte daran gelegen sein muss, den Kranken herzu- stellen, und zwar mit so wenig Kunst als möglich: so muss auch dem Arzte mehr daran gelegen sein, dass der Kranke gute und wohlfeile Arz- nei erhalte, als dem Apotheker daran gelegen sein kann. Aus diesem Grunde will ich es nicht loben, wenn dem Arzte das Ausgeben der Arzneien untersagt -wird.

v. Wedekind in Henke's Zeitschrift für Staatsärzte.

27) „Ich selbst hab es erlebt", sagt unser redlicher Dr. Stens in seiner Therap. unserer Zeit, S. 261, „dass ein Arzt die Homöopathie dadurch todtschlagen wollte, dass er allen seinen Kranken ohne Ausnahme, ein graues Pulver, Milchzucker mit Tinte verrieben, eingab. Was meinst du, verdient ein solcher Prüfer nicht, dass man ihn statt aller Widerlegung verurtheilt, selbst Tinte zu saufen?"

I. Buch. Aphorism 1. 17

Kürze nur anzudeuten, in welchem Sinne die Homöopathie die Diät verstellt, und wie sie dem zu Folge die genaue Be- folgung derselben dem Patienten und dessen Umgebung zur Pflicht zu machen genöthigt ist. 28)

Die Homöopathie hat nämlich die, auf sichere und wieder- holte Erfahrung begründete Ueherzeugung, dass jede, auf den iebenden Organismus einwirkende, die Lebenskraft auf die eine oder andere Weise afficir ende Potenz eine vor gängige Andere entweder vollständig vernichtet, oder mindestens wesentlich stört und verändert. Aus dieser, zum Grund- satze erhobenen Erfahrung ergiebt sich unzweifelhaft die wichtige Schlussfolge: dass in allen Fällen, wo eine volle und unge- störte Einwirkung irgend einer Arznei auf den lebenden Or- ganismus beabsichtigt wird, die einer jeden Andern gänzlich vermieden werden muss. In diesen wenigen klaren, und keine falsche Deutung zulassenden Worten, liegt sowohl die Begrün- dung als auch das Wesen und der Umfang der ganzen ho- möopathischen Diät. Es gehört mithin nicht allein dazu die Vermeidung jeglicher andern Arznei, sie möge Namen haben wie sie wolle, sondern auch alles anderen Arznei- kräftigen, was irgend vermögend sein kann, eine Verän- derung des Befindens hervorzurufen, von den verschiedenen

28) Das unwiderleglichste Argument der Homöopathie gegen diejenigen, welche ihre Heilungen lediglich der Diät oder der Einbildung ihrer Patienten zuschreiben, dürfte in den Erfolgen liegen, die damit bei kl einen Kindern und bei Thieren erzielt werden. Bei diesen Letzten nämlich kann weder von dem Einen noch von dem Andern die Rede sein; und dennoch sind die bei diesen gelungenen Heilungen (auch mit den aller- kleinsten Gaben), so erstaunlich und so sicher, dass es viele Personen giebt, welche, wenn sie auch für sich selbst und für die Ihrigen noch der Allo- pathie anhängen, für ihre erkrankten Thiere nur bei der Homöopathie Hülfe suchen. Wir kennen Mehrere, welche die dazu dienenden Handbücher, nebst den homöopathischen Arznei-Etuis stets vorräthig halten. Auch wir selbst haben die ersten Versuche mit Hochpotenzen an Thieren gemacht.

lg I. Buch. Aphorism 1.

Genüssen und Gemüthsbewegungen an bis zur Klei- dung, Wohnung und dergleichen Lebensbedürfnissen herab, mit der selbstverständlichen Maassgabe, dass in dem bis- her Gewohnten nur etwa dasjenige beseitigt werden muss, was wahrscheinlich oder gewiss auf Geist oder Körper einen derarti- gen Einfluss zu üben im Stande ist.

Diese eben so einfache, als naturgemässe Diät hat in den letzten Jahren auch den Beifall der Allopathie erlangt, und es wird nicht mehr lange dauern, wo auch der, dieser älteren Schule noch anhängende Arzt seinen Patienten untersagen wird, neben den eigentlichen Haupt- Arzneien noch andere arznei- liche Dinge, Kaffee,29) verschiedene Thee's und Aufgüsse, Tropfen, Einreibungen, Räucherungen u. d. gl. mehr zu gebrauchen.

Dagegen ist bei der Homöopathie, wie Böswillige oder Un- wissende es Andern so oft haben aufbinden wollen, von eigent- lichem Hungern oder Dursten unter keiner Bedingung die Rede. Nur in den Fällen, wo durch Mangel an Ess- oder Trink- lust deutlich zu erkennen gegeben wird, dass kein Bedürfniss dazu vorhanden ist, wird der Rath ertheilt, den Kranken durch- aus nicht, weder durch unzeitiges Nöth igen, noch durch be- sondere Leckerei zu Genüssen zu verleiten, welche einem solchen deutlichen Fingerzeige der Natur geradezu widerspre- chen, und in der Regel dem Patienten zu grossem Nachtheil gereichen. 30)

29) In dein Tahniis-Khana (Kaifee-Fabrik) zu Konstantiuopel sind die Arbeiter sämrntlich abgezehrt, ungesund, und werden von beständigein Husten gequält. Auch die Pferde magern ab, und können es nur sechs Monate darin aushalten. Chr. White," die Türken. Kap. 8.

30) Quae composita ad voluptateni et varietatem sunt pharmaca, absint. Aretaeus de cur. acut. I., 10.

Socrates gab zuerst die Ermahnung, man solle sich vor Speisen und Getränken hüten, die uns reizen könnten, ohne Hunger zu essen, und ohne Durst zu trinken. Plutarch, mor. Sehr. II, 8.

I. Buch. Aphorism 2. 19

Jedes freiwillige Entstellen von Durchfall und Er- brechen ist dann für den Kranken heilsam und zu- träglich, wenn nur dasjenige abgeführt wird, was aus- geleert werden muss; wo dieses aber nicht der Fall ist, da tritt das Gegentheil ein. Eben so verhält es sich mit den Entleerungen der Gefässe, wenn sie in der Weise vorgenommen werden, wie es erforderlich ist; während sonst ebenfalls die entgegengesetzten Fol- gen herbeigeführt werden. Es ist daher jederzeit nö- thig, die Verhältnisse der Gegend, der Jahreszeit, des Alters und der Krankheiten in Betracht zu ziehen und danach zu beurtheilen, in wiefern solche Aus- leerungen angezeigt sind, oder nicht.

Wenn auch die in diesem Aphorism überlieferten Lehren Zeugniss ablegen für die von Hippokrates erkannte Unentbehr- Jichkeit des Individualisirens31) so scheinen sie doch in dieser Beziehung für das Alterthum weit wichtiger gewesen zu sein, als für unsere Zeit. Damals nämlich, wo der Arznei- schatz, worüber der Arzt zu verfügen hatte, noch sehr be- schränkt war, musste ein weit grösseres Gewicht gelegt werden auf dasjenige, was unter den Ausdrücken Krisis32) oder kri- tische Ercheinungen begriffen wurde, welche sehr oft frei- willig und unabhängig von aller Arznei auftraten und entweder günstige oder ungünstige Vorbedeutungen enthielten. In spä- teren Zeiten scheint man auf diese und ähnliche Aussprüche des Vaters der Heilkunde, zum Theile wenigstens, die genauen, m den Kalendern mitgetheilten Zeitnotizen begründet zu haben, wo es nämlich an gewissen Tagen, nach Maassgabe

31) Xoyog enim, seu ratio Hippocrati idem est, quae ivSeigig, in- dicatio dici Galeno consuevit. Linden, sei. med. VII. 31.

32) Das so oft gebrauchte Wort „Krisis" bedeutet an und für sich nichts Anderes, als eine bedeutende, entweder günstige oder ungünstige Wendung der Krankheit, also eine Entscheidung zum Guten oder zum Bösen. Van Helmont leugnete die Krisen (natura crisim non facit), und die Homöo- pathen ersetzen sie zuweilen durch die Erstwirkung der Arzneien, wodurch sie jedenfalls beschleunigt und gutartig gemacht werden.

20 I- Buch. Aphorisin 2.

der Jahreszeit, des Standes von Sonne und Mond,33) oft auch nach der Constellation der (damals noch geringeren Zahl) Planeten, vorteilhaft sein sollte zu Purgiren, zu Schrö- pfen34) oder zur Ader zu lassen.35) Dieser mittelalter- liche Unsinn ist nun freilich einer geläuterleren Ansicht ge- wichen; nicht aber in gleichem Maasse die Lehre von den Rri sen, welche ursprünglich blos den natürlichen Verlauf der Krankheit durch ihre verschiedenen Stadien bezeichnen sollte, ohne dass darin die Arzneien Aenderungen bewirkt hätten. Wenn man nämlich weiss, dass die Naturkraft vermögend ist, zuweilen eine Gehirnentzündung durch Nasenbluten, einen Rheu- matismus durch Seh weiss, ein Nervenfieber durch Spei- chelfluss u. s.w. zur günstigen Entscheidung zu bringen: so haben wir heutigen Tages nicht mehr nöthig abzuwarten, bis dies wirklich von selbst geschieht, sondern besitzen die Mittel,

33) Ueher den Einfluss des Mo nd es auf Pflanzen und Thiere, finden wir schon Beobachtungen im GeHius (noct. attic. XX. 8), namentlich in Bezug auf Zwiebeln und Austern. Im vorigen Jahrhunderte hat man diesem Gegenstande eine grössere Aufmerksamkeit gewidmet, und die Schriften von Wilson, St. Hilaire, la Quintinie, Duhamel, Chavalon, van Mons und Andern, über Pflanzen, so wie die von de Haen, Sanctorius, Toaldo, Jä- ger und Andern, über die Krankheiten der Menschen enthalten, wie ge- wöhnlich, zahlreiche Behauptungen und Verneinungen zu diesem Thema. Wir Homöopathen wissen, und zwar aus wiederholten genauen Erfahrungen, dass ein solcher Einfluss in der That besteht, und bei der Mittelwahl aller- dings Berücksichtigung verdient.

34) Wenn ich dem Aderlasse nicht traute,' so verordnete ich zuweilen mit gutem Erfolge Schröpfköpfe; doch war in ein Paar Fällen der Blutfluss davon so untilgbar, dass er nicht völlig gehemmt werden konnte, bis der Kranke seinen Geist aufgab. Huxham on fevers, 212.

35) Ein üeberbleibsel aus dieser guten, alten Zeit scheint noch in der Angabe des täglichen Standes des Mondes im Thierkreise bei- behalten zu sein, wie man solche heute noch in den meisten Almanachen mit den üblichen Zeichen des Zodiakus angegeben findet, obwohl unter Tausenden, die den Kalender täglich einsehen, sicher nicht Einer ist, wel- cher diese Himmelszeichen und ihre Stellen am Firmamente kennt. Aber das wohlbekannte Aderlass-Männchen (Haemorrhoscopium) in den meisten alten Kalendern gab früher genau an, wann und wo bei diesen zwölf Zeichen der Aderin ss gut, mittel in aasig, oder böse sein sollte.

I. Buch. Äphorism 2. 21

solches künstlich zu bewirken, wenn wir es für dienlich er- achten. Schlimm genug ist es dabei nur, dass selbst diese so- genannten kritischen Er schein ungen, sowohl in dem einen, als in dem andern Falle, nicht immer den erwünschten Erfolg haben, und dass sie oft so heftig werden, dass sie dem Arzte selbst über den Kopf wachsen.

Die Homöopathie hat in dieser Beziehung aber auch noch andere abweichende Ansichten über dasjenige, was ge- wöhnlich unter Krisis verstanden wird, und wovon später noch mehrmals die Rede sein wird. Hier ist nur soviel in der Kürze zu erwähnen, dass wir entschieden allen solchen, sowol frei- willigen, als unfreiwilligen Ausleerungen abhold sind, weil sie stets unbestreitbare Kr a nk hei ts- Symptome darstel- len, welche da der Mensch jedesmal nur in einer Weise krank sein kann und alle dabei vorkommenden Erscheinungen zu diesea Krankheit gehören, bei der Wahl des Heilmittels eben so gut, wie alle Andern, die nöthige Berücksichtigung finden müssen.

Weit entfernt also davon, solche sogenannte kritische Aus- leerungen zu erwarten oder herbeizuwünschen, ist unser Bestre- ben stets dahin gerichtet, da, wo sie aufgetreten sind, so bald als möglich zu tilgen, selbst auch in den Fällen, wo man durch die innormale Beschaffenheit des Ausgeleerten zu dem Glauben verleitet werden könnte, dass die Entfernung desselben erforderlich und zuträglich wäre. Die Bildung und Absonderung solcher entarteten Stoffe ist nämlich an und für sich schon ein Theil der Krankheit, und man darf nie ver- gessen, dass das Ausgeschiedene keineswegs die Ursache, son- dern lediglich das unerwünschte Produkt derselben ist, welches eines Theils ohne die Krankheit nicht entstehen kann, und andern Theils ohne Heilung der Krankheit sich jederzeit von Neuem wieder erzeugt. 36)

36) In manchen fieberhaften Krankheiten sieht man deutlich, wie die anatomisch-pathologischen Zeichen sich erst allmählich durch das Fieber

22 I- Buch. Aphorism 3.

Erwägt man dabei endlich nocb, dass sämmtliche unge- wöhnliche Ausleerungen dieser Art mehr oder weniger zur Schwä- chung der organischen Kräfte beitragen, die doch bei der Herstellung jederzeit die Hauptrolle spielen: so wird man leicht einsehen, dass die Homöopathie alle Ursache hat, derartigen Abnormitäten möglichst bald hemmend entgegenzutreten und schleunigst solche Arzneien anzuwenden, welche, neben ihrer sonstigen Angemessenheit für die Krankheit selbst, auch noch diesem Zwecke entsprechen, und ohnedem nicht genau homöo- pathisch gewählt wären.37)

5. Eine von Gesundheit strotzende Leibesbeschaffenheit, wie jene der Wettkämpfer, ist unsicher, sobald sie den höchsten Grad erreicht hat, weil sie sich nicht auf derselben Höhe erhalten kann. Da sie nämlich nicht in der Ruhe verharrt und keiner Steigerung mehr fähig ist, so muss sie notwendigerweise wieder abnehmen. Daher ist es rathsam, diese bis zur äusser- sten Höhe angelangte Wohlleibigkeit ungesäumt herab- zustimmen, damit der Körper wieder zu einer erneu- erten Zunahme befähigt werde. Dennoch hüte man sich, diese Herabstimmung allzuweit zu treiben, weil auch dieses Nachtheil bringen würde, und bemesse das einzuschlagende Verfahren genau nach der Eigen- thümlichkeit jeder Persönlichkeit. Es ist demnach be greifiich, dass die übermässigen Ausleerungen nicht minder gefährlich sind, als die äusserste Ueberfüllung. 38)

und als Producte desselben ausbilden. So sagt auch H. Boerhaave (Aphor. 1384), nachdem er das Blatternfieber beschrieben: ,,Initio hujus Status cruor venit missus pulcher saluberrimoque simillimus; secundo, tertio, quarto die jam instar pleuritici et inflammati cernitur, eo plus, quo plus duravit et vehementius fuit, malum."

„Die kritischen Ausleerungen" sagt U. G. Schäffer in seinen Ver- suchen — „entscheiden eigentlich keineswegs die Krankheiten, sondern sind nur Wirkungen und Zeichen der bereits geschehenen Entscheidung."

37) Die Arzneien richten vollends im Unterleibe nichts als Zer- störung an, sie verderben und lösen Alles auf, was vorhanden ist, und er- zeugen dadurch weit mehr überflüssige Säfte, als sie austreiben.

Plutarch, moral. Sehr. II., 40.

38) In den Tischreden des Plutarch (V., 7.,) wird die Ursache der Ge- sundheitsabnahme (Aph. I. 3) dem „Be schreien" zugeschrieben. „Wenn also

I. Buch. Aphorism 3. 23

Dieser Aphorism soll offenbar zur Erläuterung des Vorher- gehenden dienen. Indessen ist bei vorurtheilsfreier Betrachtung nicht zu verkennen, dass dabei etwas Sophistik mit unter- läuft. Das vollkommene Wohlbefinden ist hier nämlich ohne Zweifel verwechselt mit dem Zustande eines Menschen, welcher durch übermässige körperliche Pflege jeder Art dahin gelangt ist, mehr das äussere Bild eines mastigen, üb er lull- ten und plethorischen Körpers darzustellen, als eines solchen, dessen organische Functionen nach allen Seiten hin in der ge- regeltsten, naturgemässen Ordnung sind, und der so» den Typus einer vo 1 1 k o m m e n e n Gesundheit ausspricht, weil Alles, sowohl Geist als Körper, bei ihm in einem gehörigen Ebenmaasse steht.39) Es ist leicht begreiflich, dass jener überfütterte Mensch in solchem Zustande nicht dauernd verharren kann, und dass früher oder später, oft durch geringfügige Veranlassung, eine Störung eintreten muss, die um so gefährlicher ist, je höher die Ueberfüllung gesteigert war.

Um eine solche Persönlichkeit aber auf das gehörige Maass von Körperfülle zurückzuführen, bedarf es keineswegs der aus-

Jemand" heisst es daselbst „auf einmal an Körperfülle ausseror- dentlich zugenommen hat, und sich in einem, seine Erwartung übertreffen- den Zustande erblickt, ja sich wohl gar mit Verwunderung betrachtet, so ist der Körper schon seiner Veränderung nahe, und weil nun dessen Befinden sich plötzlich verschlimmert, so sagt man von einem solchen, dass ersieh selbst beschrieen habe." Dieses „Beschreien" oder „Berufen", welches die Griechen ßuGKcdvew, die Römer fascinare nannten, und (nach Aristoteles probl. 20, 34) durch dreimaliges Ausspucken abgewandt wurde, besteht noch heutiges Tages und veranlasst manchen Abergläubigen zu dreimaligem Ausrufen des Wortes: Unberufen! oder Unbesehrieen i Wenn übrigens dieses Berufen unverkennbar mit dem „mal occhio" der Südländer verwandt ist: so ist doch das „second sight" der Nordländer, welches bei uns „Vorgesichte" heisst, davon sehr verschieden, obwohl beide einer immateriellen Welt angehören, und ihre Wirklichkeit von den Meisten heutiges Tages bezweifelt wird.

39) Orandum est, ut sit mens sana in corpore sano,

Juvenalis Satyr. 12,

24 !• Buch. Aphorisra 3.

leerenden und abschwächenden Mittel, selbst dann nicht, wenn eine krankhafte Disposition im Hintergrunde liegt, oder bereits in geringem Grade vorhanden ist, sondern nur einer vernünftigen, diätischen Lebensweise, wie sie jeder Mensch im gesunden Zustande befolgen sollte, wenn er seine Gesundheit ungetrübt erhalten will. Solcher Beispiele von fort- dauerndem Wohlbefinden giebt es aller Orten, und es würde deren noch mehr geben, wenn jene naturgemässe Diät über- all strenge be folgt und dabei alles Arzneiliche noch sorg- fälliger vermieden würde. Das Letztere gilt am Meisten von solchen heftig eingreifenden' Mitteln, die nicht blos das Er- krankte, sondern auch das Gesunde im lebenden Organis- mus zu affiziren und zu alteriren vermögend sind. Dieses ver- meidet man aber in vorzüglichem Grade durch die Eigenthüm- lichkeit der homöopathischen Arzneigaben, welche eben ihrer Kleinheit wegen nur auf den, durch irgend eine Krankheit vor- zugsweise für ähnliche Reize empfänglich gemachten Körper- theil ihre Wirkung thun, alles Uebrige aber, was gesund ist, völlig unberührt lassen.40)

Hierin liegt ein äussert erheblicher Vortheil der homöopa- thischen Behandlung, namentlich auch bei leichteren Störungen der Gesundheit, der kaum überschätzt werden kann.41)

40) Die kleinste Gabe ist durch Riechen an die Arznei, welche, nachdem bereits die Beddoe 'sehen Versuche Hufeland darauf aufmerk- sam gemacht hatten, (Journ. d. p. Heilk. I. 3) durch Hahneinann vervoll- kommnet und bis zu dessen Ende angewendet, von unseren jüngeren Adepten aber (ungeprüft) verworfen wurde, um wieder zu den Tropfen zu- rückzukehren.

Dr. Roger hatte (nach der Gaz. d. Hopitaux) einem Ckolerakranken gepulverte Ipecacuanha verschrieben, a trois prises zu nehmen. Der Wär- ter verabreichte es daher als Schnupftabak, worauf ungeheures Niesen ein- trat und der Patient in kurzer Zeit genesen war.

41) Die von Berzelius entdeckte und mit dem Worte: „Katalyse" bezeichnete Kraft wird vielleicht in der Chemie, sicher aber in der Therapie, noch zu Entdeckungen führen, die man sich bisher nicht hat träumen lassen.

I. Buch. Aphorism 4. 25

Mit der Schluss-Phrase dieses Aphorisms sind wir natürlich alle vollkommen einverstanden.

Eine allzu magere und zu wenig nährende Diät ist in langwierigen Krankheiten überhaupt immer, aber auch in denjenigen Hitzigen, wo sie nicht durchaus ange- zeigt ist, jedesmal bedenklich. Eine übermässige Ent- haltsamkeit ist häufig in demselben Maasse nachtheilig, wie eine allzu grosse Ueberfüllung.

Zum besseren Verständniss dieses Aphorisms ist es dien- lich zu wissen, dass zu den Zeiten des Hippokrates und noch lange nachher die Diät für Kranke vier Abstufungen hatte. Die Gelindeste war die einfach Magere (victus tenuis), wobei zwar meistens nur Gerstenschleim, Gerstensuppe und Honigwasser gestattet wurde, aber ohne das Maass derselben zu beschränken. Bei der streng Mageren (exquisite tenuis) wurden von den vorstehenden Lebensmitteln nur geringe Quantitäten zugestanden. Bei der Magersten (tenuissimus) blieb nur noch der Gennss des Honigwassers erlaubt und alles Andere verboten; und end- lich bei der Aller magersten (extreme tenuissimus) war gänzliche Enthaltung von allen Speisen und Getränken vor- geschrieben.

Unter solchen Verhältnissen ist es leicht begreiflich, dass ein aufmerksamer Beobachter, wie Hippokrates, sehr bald die grossen Nachtheile erkennen musste, 42) welche durch übertrie- benen Diät-Unfug verursacht wurde, der den Kranken nicht nur obendrein noch zu den Qualen des Hungers verurtheilte, sondern gleichzeitig dessen Kräfte immer mehr erschöpfte, das heisst mit einfachen Worten: den Kranken immer kränker, hinfälliger und elender machte. Daher hatte der Altvater

42) Die Abneigung des Hippokrates gegen alle eigentlichen Hunger- kuren weiset Plinius (XXII. 66,) nach und sagt bei dieser Gelegenheit von ihm: „tanturn remotus sb istis, qui medicinam farne exercent/'

26 I- Buch. Aphorism 4.

der Heilkuiist die dringendste Veranlassung, diesem Unwesen kräftig entgegenzutreten, und das Unheilvolle eines solchen Verfahrens gebührend zu rügen, wie er dies in dem vorstehen- den und in dem nachfolgenden Aphorism gethan hat.43)

Wenn dies nun auch von der Allopathie anerkannt ist, und die sogenannten Hungerkuren immer seltener vorkommen: so ist doch der Unterschied zwischen ihrer Diät und jener, welche die Homöopathie vorschreibt, ein sehr grosser und wesentlicher. Die Allopathie trennt nämlich hei weitem nicht so genau und durchgreifend die Nahrungsmittel von den Arzneimitteln, wie wir es thun.44) Wir rechnen nämlich zu den Letzteren Alles, ohne Ausnahme, was das Vermögen besitzt, das Befinden des Menschen um z u an dem, während Jene in dieser Beziehung, wie man es zu nennen pflegt, in- different sind, und lediglich dazu dienen, den Körper zu nähren.45)

Da nun aber jede arzneikräftige Substanz, eben durch ihre Kraft und Eigenschaft das Befinden umzustimmen, jeder an-

43) Hippokrates rechnete deshalb zu der Dätetik auch noch das dvccKOuifeiv, nämlich die Restauration des Kranken durch Speisen und Getränke.

44) Als im Anfange des vorigen Jahrhunderts die Bäcker in Paris anfingen, Hefen aus Flandern zu beziehen, und damit besseres Brot zu be- reiten, als mit dem bisherigen Sauerteige, da erhob sich die dortige me- dizinische Fakultät und erklärte dies Verfahren als ein der Gesundheit schädliches, worauf denn auch ein Verbot von der Regierung erfolgte. Jetzt ist diese Bereitungsart nach allen Richtungen hin verbreitet.

45) Quae corpus mere nutriunt, Alimenta; quae vero Sanum hominis statum (vel parva quantitate) in aegrotum, ideoque aegrotum in sanum mil- iare valent, Medicamenta appellantur.

Halmemann, Fragm. praef. p. 1. Das Wort <&ttQ(iccxov bedeutet bei den Griechen: 1. Heilmittel. 2. Gift, 3. Zaubermittel, 4. Färbemittel (Schminke). Zum inner- lichen Gebrauche nimmt Homer es stets im schädlichen (giftigen) Sinne; nur zum äusserlichen Gebrauche (in Verbindung mit Ttdocco, auf- streuen) finden wir es bei ihm (Jl. V. 401 und Jl. XI, 515.,) als schmerz- stillendes Mittel. Ein Mehreres hierüber findet sich S. 232, in unserm Lesebuche : „Die Homöopathie u. s. w. Münster bei Coppenrath, 1834."

I. Buch. Aphorism 4. 27

dem Arznei in ihrer Wirksamkeit derselben Art hindernd oder störend in den Weg tritt: so ist es nicht mehr wie natürlich, dass sie überall da vermieden werden muss, wo bereits eine andere gegeben, und dieser die beabsichtigte Umsthnmung zu- gelheilt ist. Es gehört demnach wesentlich und in der ersten Linie zur Diät der Homöopathie, dass weder zwei oder mehrere Arzneien gleichzeitig, wenn auch nur die Eine äusserlich und die Andere innerlich, angewendet werden dürfen, sondern auch, dass alle Nahrungsmittel und andere,' als Lebensbedürfniss eingeführte, meistens sehr entbehrliche Dinge frei sind von aller und jeder Arzneikraft, welche als solche fremdartig auf den Organismus einwirken und solcher- gestalt das Heilgeschäft beeinträchtigen könnte.46)

Nicht minder abweichend von der Diät der Allopathie ist jene der Homöopathie, wenn es sich um die Quantität der erlaubten (unarzneilichen) Nahrungsmittel handelt. In hei Weitem den meisten Fällen giebt die Natur und das Verla n-

46) Auffallend ist, was Celsus (II, 18) über die Nahrhaftigkeit einiger Speisen sagt, wo er Hasenfleisch, Vögel und gesalzene Fische zu den minder Nährenden rechnet, und Brot und Hülsenfrüchte allem Andern vorzieht. In unsern Lehrbüchern, welche di£ Stufenfolge der Nahrhaftigkeit nach dem Stickstoffgehalte berechnen, steht der gesal- zene Fisch (Häring) fast an der Spitze, und ganz am Ende der Eeis, der zu den Getreidearten gehört, und wovon viele Millionen Menschen fast ausschliesslich leben. Auch hier ist noch Manches aufzuräumen, trotz Liebig und Boussignault und neuerdings Wolff in seinen Futtertabellen.

Die Viehfütterungsversuche von Henneberg und Stohmann haben aufs Entschiedenste bewiesen, dass die in den meisten chemichen Agentien völlig unlösbare Holzfaser nicht nur verdaulich, sondern gar leichter verdaulich, als manche anderen im Wasser lösliche, stickstofffreie Verbindungen, mit- hin ihre Nährkraft nicht mehr zu bezweifeln ist.

H. Boerhaave (Aphor. 28) bezeichnet folgendermaassen die nahrhaftesten Dinge: Lac, Ova, Jura carnium, decocta panis bene fermentati, vina austera, primaria sunt .

Cullen (in seiner Mat. med., übersetzt von Hahnemann, Band I,. Seite 305) hält den Eeis für nahrhafter, als jedes andere Korn ; und in der An- merkung (a. O. S. 306) findet Hahnemann eine besondere Nützlichkeit des Reises darin, dass er „unter allen mehligen Dingen am spätesten in Gährung und Säure übergehe."

28 I- Buch. Aphorism 4.

gen des Kranken den richtigen Maassstab ab, und nur unter seltenen Umständen hat der Arzt nöthig, dabei abweichende Vorschriften zu ertheilen. In der Regel lassen wir essen, so oft der Hunger, und Trinken, so oft der Durst sich ein- stellt, und meistens von beiden soviel, bis das Bedürfniss in ge- nügender Weise befriedigt ist. Nur allein in den selteneren Fällen, wo eine widernatürliche Esslust bei noch ge- schwächten Verdauungs-Organen sich einstellt, wie man dies z. B. in der Reconvalescenz von einigen Arten von Nervenfie- bern zu beobachten Gelegenheit findet, da entziehen wir dem Genesenden keineswegs die dringend verlangte Nahrung, aber geben dabei die gemessene Weisung, jedesmal nur wenig, und nicht bis zur völligen Sättigung, dagegen um so öfter Speise zu nehmen, um Nachtheilen vorzubeugen, welche die un- ausbleibliche Folge von Ueberfüllung und Magenverderb sein würden. Was die von Böswilligen oder Unwissenden verbreitete Fabel anbelangt, als wäre die Homöopathie nichts als eine Hungerkur, und ihre Heilungen wären lediglich ihrer Diät zuzuschreiben: so ist dieser Unsinn allzu handgreiflich, als dass es der Mühe lohnte, darüber ein Wort zu verlieren. Die beste Entgegnung auf derartigen Aberwitz dürfte die einfache Frage sein: aus welchem Grunde sie selbst nicht ebenfalls dieselbe Diät vorschrieben, nachdem sie die Erfolge von Dieser allein abhängig erklärten?47)

Die Geschichte hat es aufbewahrt, dass der tapfere englische Verthei- diger von Gibraltar, Lord Elliot, acht Tage lang von nichts Anderem als täglich vier Loth Reis lebte.

Ungeachtet Sydenham's Lob des Don Quixote, ist doch der von D. Eetio (IV, 15) augeführte hippokratische Aphorism nicht nur falsch, sondern widerspricht auch der Schola salernitana (CXXIX), worin zufolge Galenits (de alim. c. 10) und Avicenna (2. Canon, c. 186) das Rebhuhn als ein besonders zuträglicher Braten gerühmt wird. Man muss also jenem Lob- spruche ein anderes (ironisches) Motiv unterlegen.

47) Je höher man in der Geschichte der Medizin bis zu ihren ersten

I. Buch. Aphorism 5. 29

Eine magere Diät ist für den Kranken gefährlich, in- dem sie leicht Veranlassung zu Nachtheil herbeiführen kann. Denn jeder Fehler, welcher dabei begangen wird, hat schädlichere Folgen, als wenn sie reichlicher ist. Aus demselben Grunde ist auch dem Gesunden die stete Befolgung einer allzu mageren und regel- mässigen Diät keineswegs anzuratheu, weil jede Ab- weichung davon hinterher um so härter gebüsst werden niuss. Eine allzu enthaltsame und übergenau geregelte Lebensweise iu gesuudeu Tagen ist deshalb unsicherer, als eine nahrhaftere und weniger strenge.

Dieser Aphorism ist eigentlich eine Fortsetzung des vorigen, erweitert jedoch die darin für den Kranken gegebenen Vor- schriften, indem er diese auch für den Gesunden in Anwen- dung bringt. Die hier gegebenen Lehren gehören aber im Grunde keiner besonderen Schule als ausschliessliches Eigen- thum an, sondern müssen sowohl von der Allopathie, als von der Homöopathie als die einzig richtige Ansicht über diesen Gegenstand zugestanden werden. Wie nämlich Bewegung und freie Luft, ohne ängstliche Rücksicht auf Temperatur und Wit-

Anfängen hinaufsteigt, um desto mehr treffen wir bei der Ausübung der- selben auf mystische und abergläubische Gebräuche. Als diese später all- mählich einer fortschreitenden Cultur weichen mussten, trat an ihre Stelle eine früher vernachlässigte Diätetik, welche nun aber ebenfalls die Grenze des Zulässigen überschritt, indem auch Diese wieder dasjenige ersetzen sollte, was das Medikament für sich zu leisten unfähig war. Je mehr Aeusserliehkeiten und Nebendinge, desto mangelhafter die Wissenschaft! Alles dieses fällt nun aber bei der Homöopathie gänzlich fort, indem sie jedes trügerische Blendwerk verabscheut, jede unnöthige Entbehrung ver- meidet, und lediglich darauf besteht, dass der Wirksamkeit ihrer Mittel kein Hinderniss entgegengesetzt werde.

Theurer freilich kommt jener Menge, die nichts Eigenthümliches aufzu- weisen hat, und immer nur fehlgreift, das Anerkennen fremder Verdienste, oder das Aufgeben eigner Vortheile zu stehen; und wohlfeiler als der stille Fleiss des Beobachters ist jener laute Witz des Lustigmachers, der nichts kostet als das Preigeben eigener Unwissenheit vor unwissenden Zu- hörern — sind jene Wortspiele und Einfälle, die zuletzt nur lächerlich sind, aber Nichts und Niemand, als etwa ihren Urheber, lächerlich machen. Jochmann, Briefe eines homöop. Geheilten, S. 9.

30 !■ Buch. Aphorism 5.

terung, ein unumgängliches Lebensbedürfniss sind, ohne welches auf die Dauer kein körperliches Wohlbefinden bestehen kann: so verhält es sich auch mit dem Ernährungs-Process e. Bei beständig gleichförmiger, weichlicher und leicht zu verdauender Rost kann der Mensch eben so wenig eine kernige und ungetrübte Gesundheit erhalten, als wenn er sich beständig in der Stube einschliesst, vor jedem Lüftchen verwahrt, und jeden Temperaturwechsel und jede Anstrengung vermeidet.48) Dies Alles ist so klar und so sehr überall durch die Erfahrung bestätigt, dass es darüber keiner weiteren Worte zu bedürfen scheint, als bloss der einfachen Warnung, sich vor jedem Ueb er maasse, sowohl in der einen, als in der andern Richtung zu hüten.49)

Indessen dürfte hier noch eine passende Stelle sein, um der, namentlich unter den höheren Ständen, besonders bei Frauen, viel verbreiteten Gewohnheit Erwähnung zu thun, wo neben der üblichen, weichlichen und sparsamen Diät noch allerlei arz- neiliche Nebenmittel angewendet werden, um, wie es heisst, die Verdauung oder den Stuhlgang zu befördern.50) Wie verkehrt dies Verfahren ist, leuchtet schon aus dem Vorherge- henden ein-, aber das Uebel selbst wird unausbleiblich um so schneller und sicherer auf den Gipfel getrieben, je öfter und wirksamer solche arzneiliche Angriffe auf die Lebenskraft

48) Wo die Lebensweise und Verhältnisse Mangel an hinreichender Körperbewegung mit sich bringen, da kann oft das Tanzen nützlich wer- den, wenn es nur mit Maass geschieht, und dabei die nöthige Vorsorge gegen Ueberhitzung, Erkältung, Kalttrinken u. s. w. getroffen wird. Siehe J. L. Dorer, de saltatione sanitatem conservante, morbos inducente, indi- cante, curante. Argent. 17621

49) Wer seine Gesundheit durch Kühe und Schonung zu erhalten ge- denkt, ist demjenigen gleich, der nicht sehen oder sprechen will, um seine Augen oder seine Stimme gut zu erhalten.

Plutarch, moral. Sehr. II, 42.

50) Cavendum, ne in seeunda valetudine adversa praesidia consu- mantur. Celsus, I., 1.

I. Buch. Apliorism 6. 31

wiederholt werden, bis sich endlich eine Arzneikrankheit ausgebildet hat, welche sich durch nichts von einer natürlichen Krankheit unterscheidet, als etwa dadurch, dass sie langwieriger und schwieriger zu heilen ist. 51)

6. Die heftig-sten Krankheiten werden auch am Besten mit den heftigsten Mitteln, mit Vorsicht angewendet, behandelt.

Dieser Ausspruch des Hippokrates ist einer von denen, die vielleicht zuweilen missverstanden sind, sicher aber vielfaches Unheil angerichtet und zahlreiche Opfer ge- kostet haben. Der Glossator hat deshalb eben so sehr, als der Commentator, die Pflicht zu untersuchen, wem dabei haupt- sächlich die Schuld beizumessen ist, ob der gewichtigen Autori- tät des Hippokrates selbst, oder der verfehlten oder missver- standenen Anwendung des Aphorisms. 52)

Zuvörderst ist dabei die Frage zu erörtern, ob Hippokra- tes in der That die heftigsten Arzneien, die unter den ge- fährlichsten Giften zu suchen sind, oder vielmehr nur eine energische Verfahrungsweise, worunter man heutigen Tages oft die strengste Antiphlogistische versteht, mit Einschluss aller zur Diät der damaligen Zeit gehörenden strengen Vor-

51) Nur zu häufig hat man Gelegenheit zu beobachten, dass manche Aerzte die Nachsicht und Gefälligkeit gegen ihre Kranken (wie sie im t7tt8rj(iLä>v xo EY.rov (IV, 7) angerathen ist, und deren Plinius XXVI, 3 heim Asclepiades rühmlichst gedenkt) bis zum Uebermaass treiben und ihnen Genüsse und sonstige Freiheiten gestatten, welche theils an und für sich, theils durch Vernichtung oder Alterirung der gereichten Arzneien, nothwen- dig zu ihrem Nachtheil gereichen müssen.

52) In der Hygea X. 5 stellt der Professor Dr. Weber folgende Sätze auf: Die Medizin ist keine positive Wissenschaft, sondern eine Freie ; sie ist keine Apodiktische, sondern beruht auf Wahrscheinlichkeit; sie ist keine Reine, sondern beruht auf Erfahrung; sie ist nicht blos Wissenschaft, sondern auch eine Kunst; sie ist keine fertige Wissenschaft, sondern stets eine Werdende.

32 I- Buch. Aphorism 6.

schriften, gemeint habe ? Um hei Beantwortung dieser Frage uns nicht allzuweit in das Gebiet einzulassen, welches dem ge- lehrten Philologen gehört, benutzen wir die Befugniss des ein- fachen Glossators, um dieselbe in Bezug auf den ersten Theil derselben mit einem entschiedenen Ja! zu beantworten. Wir fügen nur noch hinzu, dass wir uns genöthigt sehen, jede be- schönigende Deutelei in Bezug auf den zweiten Theil der obigen Frage als eine falsche Voraussetzung und unrich- tige Interpretation anzusehen. Zu diesem Ausspruche finden wir die beweisenden Stellen in den Werken des Hippo- krates selbst, und in denen seiner berühmtesten Commentatoren, welche dies aufs Bestimmteste bestätigen und jeden Zweifel darüber beseitigen. Um nicht unnöthiger Weise diese einfachen Glossen mit Ci taten zu überladen, führen wir zu dem Ende nur an: Hipp. Loc. in Hora. XXXVI, 14., und LV, 7—11; und Cels. II, 2., wozu noch dessen bekannter Spruch kommt: Melius est anceps periculum experiri, quam nulluni. Ferner das Galenische : juvare cum periculo! und Cicer. de off. Cap. XXIV.

Angesichts solcher unzweideutigen Aussprüche über die Be- deutung der „heftigsten Mittel" des Hippokrates scheint es durchaus unzulässig, mit vielen neueren Commentatoren etwas ganz Anderes, und namentlich hauptsächlich die Diät zu verstehen.

Selbst in unserer Zeit, wo der Arzneischatz einen Umfang erlangt hat, womit der des Hippokrates gar keinen Vergleich zu- lässt, giebt es der Beispiele nicht wenige, wo der Arzt in ver- zweifelten Krankheiten, um nicht als müssiger Zuschauer da- zustehen, zu den verzweifeltsten Mitteln greift, wie Galenus bei der angeführten Stelle gerathen hat. Nur allein der Um- stand, dass dieser Aphorism sich mitten zwischen Jene verirrt hat, welche von der Diät handeln, könnte dieser Interpretation einen Schein von Wahrheit verleihen, wenn solche Verstösse gegen eine logische Anordnung nicht öfter vorkämen und des- halb nicht sonderlich zu beachten wären.

I, Buch. Aphorism 6. 33

Wenn nun ferner die Frage aufgeworfen wird, welche Arzneien Hippokrates zu den heftigsten gerechnet habe: so dürfen wir nicht übersehen, dass zu jener Zeit von denjenigen, welche wir heute unsere heroischen Mittel nennen, nur wenige bekannt waren und zur Anwendung kamen. Von unseren Metallen, die hier an der Spitze stehen, hatten sie bloss Blei, Kupfer, Eisen und Arsenik, welche sie aber gröstentheils nur äusser- lich anwendeten. Ihre gewöhnlichsten Arzneien waren fast aus- schliesslich aus dem Pflanzenreiche genommen ; aber die heftigst wirkenden von ihnen, wie Aconitum Napellus, Digitalis purpurea, Nux vomica, Pulsatilla pratensis, Datura Stramonium, Nicotiana, Sabadilla, Rhus Toxicodendron, Bryonia alba und mehre andere dieser Art finden sich nicht darunter, und was man vom Opium (nach Odyss. IV, 222) vermuthet hat, darf wohl aus triftigen Gründen bezweifelt werden. Wir haben daher alle Ursache anzunehmen, dass das Prädicat der Heftigkeit sich hauptsächlich auf die Grösse und die häufige Wieder- holung der Gabe bezieht, die man in verzweifelten Fällen bis zu dem Grade steigerte, dass nur so eben die Grenze einer wirklichen, tödtlichen Vergiftung nicht überschritten wurde. 53)

Im Wesen dieser Methode, durch Verstärkung und Vervielfältigung der Dosen die Arzneien zu den heftigst wir- kenden zu machen, und damit die heftigsten Krankheiten zu bekämpfen, liegt aber gerade einer der wesentlichsten Unter- schiede zwischen der Allopathie und der Homöopathie. Durch die Theorie sowohl, als durch die Erfahrung überzeugt,

53) Ungeachtet der eingebildeten Höhe, worauf sich heute die Ko- ryphäen der medizinischen Wissenschaften zu befinden wähnen, dürfte es schwerlich Einen von Ihnen geben, der, wie ehedem Asklepiades, seiner Sache so gewiss wäre, dass er seinen ganzen ärztlichen Ruf für verloren erklärte, wenn er selbst jemals krank würde. Und in der That, wie die Geschichte (Plinius VII, 37) meldet, starb er an einem Sturze von der Treppe, ohne jemals krank gewesen zu sein. Jetzt sucht der kranke Arzt jedesmal Rath und Hülfe bei einem Andern!

34 I. Buch. Aphorism ß.

dass die Heilung einer Krankheit nur durch zweckmässige Reizung und Unterstützung der Lebensthätigkeit zu voll- führen, und dass, bei völligster Angemessenheit der dazu ver- wendeten Arznei, diese in den kleinsten Gaben zurei- chend ist, um die nöthige Reaction hervorzurufen, wobei jedes Uebermaass nur hinderlich sein kann, wählt der Homöopath gerade umso kleinere Gaben, je an gegriffener der Kranke ist, und wiederholt solche nur dann, wenn, bei gleichbleibenden Zeichen, die Wirkung nicht genügt, oder allzu früh nachlässt. 54)

Unter solchen Verhältnissen und Umständen wollen wir daher lieber auf das Prädicat eines Hippokratischen Heilkünst- lers Verzicht leisten, als mit der Gesundheit und dem Leben unseres Patienten ein gefährliches Spiel treiben, und dem blossen Zufalle anheimstellen, was wir in den meisten Fällen durch be- sonnene Befolgung unserer Lehren und Erfahrungen mit Sicher- heit und gefahrlos zu erreichen im Stande sind.55)

Aber gleichzeitig dürfen und wollen wir dabei nicht ver- gessen, dass Hippokrates in seinem Zeitalter zuerzt die Schwelle

54) Die Schädlichkeit der Arzneien überhaupt, wurde schon in den ältesten Zeiten erkannt. So sagt Celsus (V, prooem.): „Horum (mediea- mentorum) autem usum ex magna parte Asklepiades non sine causa sustu- lit; et, cum omnia fere medicamenta stomachum laedant, malique succi sint, ad ipsius victus rationem potius omnem curam suam transtulit. Verum, ut illud in plerisque morbis utilius est, sie multa admodum corporibus nos- tris ineidere consuerunt, quae sine medicamentis ad Sanitätern pervenire non possunt." Trotz alledem, was jeder Arzt weiss, hat man sich von jeher so wenig bemüht, durch sorgfältige Versuche die Quantität zu er- fahren, welche von diesen schädlichen Dingen hinreicht, um ohne sonstigen Nachtheil eine Krankheit zu heilen.

55) Le theoricien doit proceder selon la logique, et le praticien doit se guicler surtout par l'observation. Au moyen de ce singulier expedient ou de cette fiction on a pu conserver pendant des siecles des th^ories fausses, une science menteuse, sans trop egarer la pratique; le medecin a pu deraisonner sans nuir beaueoup ä son malade , sans se priver des lumieres de l'experience.

Eenouard, bist, de la med. II. 513.

I. Buch. Apliorism 7. 35

einer naturgem ässen Heilkunst betrat, und dass dabei nothwendig manche Irrthümer nicht zu vermeiden waren, welche seine Schüler und Nachfolger, anstatt solche zu befol- gen, vielmehr zu erkennen und zu verbessern die Pflicht hat- ten.56) Die jetzigen waghalsigen Aerzte haben desshalb keineswegs die Entschuldigung für sich, welche Hippo- krates für sein, offenbar als irrationell zu bezeichnendes Ver- fahren geltend machen konnte, und es ist vollkommen begrün- det, wenn heutiges Tages sämmtliche gewissenhafte Aerzte die Richtigkeit und Zuverlässigkeit solcher Afterlehre verneinen, und sich bemühen den gefährlichen Ausspruch zu entschul- digen, indem sie demselben vermittelst einer mildernden Inter- pretation einen andern Sinn unterzulegen suchen,57)

Je hitziger eine Krankheit auftritt, und je schneller sie daher ihren Höhepunkt erreicht; desto mehr ist es nötlrig, sofort die magerste Diät anzuwenden. Wo dies aber nicht der Fall und reichlichere Nahrung minder nachtheilig ist, da kann man diese in dem Verhältnisse gestatten, wie die Krankheit noch mehr oder weniger von ihrer Höhe entfernt ist.

56) „Die Beispiele des grossen Arztes von Kos und der empyrischen Schule", sagt Sprengel am Schlüsse des I. B. s. Gesch. d. Med., „lehren uns in diesem frühesten Zeiträume, wie die Arzneikunde bearbeitet werden muss, wenn sie ihren Zweck erreichen soll. Belehrend, warnend, beruhigend ruft uns die Geschichte vergangener Jahrtausende zu: aber wie Wenige mögen ihren Ruf verstehen, wie Wenige ihn befolgen!"

57) Ueber die Meinungsverschiedenheiten der Aerzte klagt schon Plinius (XXIX. 5) : Hinc illae circa aegros miserae sententiarum concertationes, nullo idem censente, ne videatur accessio alterius. Hinc illa infelicis mo- numenti inscriptio: turba se medicorum pe risse. Mutatur ars quoti- die toties interpolis, et ingeniorum Graeciae flatu impellimur. Palamque est, ut quisque inter istos loquendo polleat, imperatorem illico vitae nostrae necisque fieri: (eu vero non millia gentium sine medicis degunt, nee tarnen sine Medicina: sicut populus Romanus ultra sexcentesimum annum, nee ipse in aeeipiendis artibus lentus, Medicinae vero etiam avidus, donec ex- pevtam damnavit.

36 I- Buch. Aphorism 8, 9, 10, 11.

8. Sobald eine Krankheit ihren höchsten Stand erreicht hat, ist es erforderlich, dass man die magerste Diät befolge.

Indessen ist dabei nicht minder sorgfältig zu erwägen, ob der Kranke im Stande ist, bis zur Höhe der Krank- heit eine so strenge Enthaltsamkeit auszuhalten, ob er dadurch vielleicht vor der Zeit allzu sehr erschöpft wird, oder ob endlich die Krankheit selbst schon bal- digen Nachlass in Aussicht stellt.

10. Bei denjenigen Krankheiten, welche in kurzer Zeit ihre Höhe erreichen, muss sofort die magere Diät an- geordnet werden. Bei solchen aber, wo dies später eintritt, muss man erst kurz vor diesem Zeitpunkte und während desselben die Nahrung entziehen. Da- gegen nähre man im Anfange reichlicher, damit der Kranke später die Entbehrung um so besser ertragen könne.

11. Während der Verschlimmerung selbst ist jede Nahrung schädlich und muss daher völlig entzogen werden. Eben so muss der Kranke sich derselben während der einzelnen Anfälle enthalten, wenn solche periodisch wiederkehren.

Wenn, wie von manchen Unwissenden vorgegeben wird, die Homöopathie der Hauptsache nach in der Diät bestände, während die Arznei ihrer Geringfügigkeit wegen in keinen Betracht käme: so würden die Homöopathen durch die vorstehenden Aphorismen befugt sein, für sich das Prädicat ä cht er hipp okra ti- scher Aerzte zu vi.ndiziren.58) Allein bis jetzt ist es noch Keinem von diesen eingefallen, solches zu thun, und es dürfte schwerlich Einen unter ihnen geben, der in dem Umfange, wie

58) Moliri cibo melius est, quam medicamento.

Celsus, L. III. C. 21.

I. Buch. Aphorisin 12. 37

hier gelehrt ist, die Diät am Krankenbette zu handhaben ver- sucht sein würde. Ueberdem klingen diese Lehrsätze in der Theorie freilich äusserst schön und verständig, müssen aber in der Praxis auf mancherlei Schwierigkeiten stossen, welche die Ausführung verhindern oder gar abrathen. Am wenigsten anwendbar sind sie jedenfalls da, wo, wie bei der richtigen Medikation gewöhnlich, der natürliche Verlauf der Krankheit wesentlich abgekürzt und die eigentliche Krisis ganz vermieden wird.

12. Die Natur der Krankheiten selbst, die Jahreszeiten, die zeitweisen Wiederholungen der Anfälle, die ent- weder täglich oder um den andern Tag, oder nach längeren Zwischenräumen eintreten, geben Aufklärung über das Eigenthümliche solcher Zufälle und ihrer Formen. Zum Beispiele möge der hitzige Seitenstich dienen. Findet sich nämlich der Auswurf bei Zeiten ein, so verkürzt er die Krankheit; erfolgt er aber später, so zieht sich diese ebenfalls mehr in die Länge. In ähnlicher Weise findet der Arzt Be- lehrung in dem Urin, in der Darmausleerung und in dem Schweisse, ob nämlich die Entscheidung einer Krankheit leicht oder schwierig ist, und ob sie daher von längerer oder kürzerer Dauer sein wird.

Dieser Aphorism scheint lediglich die Bestimmung zu haben, zur Vervollständigung der Lehren über die Diät zu dienen, je nachdem der Verlauf einer Krankheit, durch keine Arznei mo- dificirt, ein Natürlicher geblieben ist, und schneller oder lang- samer zur Entscheidung gelangt. Eben aus dem letzten Grunde und weil es unter den Aerzten nicht mehr Sitte ist, den müssigen Zuschauer zu spielen und die Natur ungestört walten zu lassen, wird in unseren Zeiten von diesem Lehrsatze nur eine seltene und bedingte Anwendung gemacht werden können.

Wie unsicher aber solche allgemeine Anzeigen sind, beweisen die zahlreichen Widersprüche, denen wir in den

38 I. Buch. Aphorism 13.

Schriften sowohl der altern als der jüngeren Aerzte begegnen. 59) So haben z. B. Asklepiades und Galenus, jener in Athen, dieser in Rom, die Schädlichkeit des Aderlasses beim Seiten- stich beobachtet, während derselbe im Hellespont und auf der Insel Paros wohlthuend war.60) Ebenso führt ein Com- mentator des Hippokrates (Pittschaft) bei Gelegenheit dieses Aphorisms an: dass, wenn die Fieber-Paroxismen antici- piren, der Verlauf derselben kürzer, wenn sie hingegen post- poniren, langwieriger wird; wogegen ein Anderer (Brand- eis) gerade das Umgekehrte behauptet. Auf dergleichen Widersprüche stösst man überall und nach allen Richtungen hin, und das Schlimmste dabei ist, dass man sich immer nur um generelle Namen herumdreht, worin sich die Natur über- haupt niemals einzwängen lässt, und dass nirgends die Zeichen und Bedingungen bestimmt und deutlich angegeben sind, un- ter denen das Eine oder das Andere stattgefunden hat. Darin liegt dann auch der Grund, dass solche angebliche Er- fahrungs-Sätze, auch noch von dieser Seite betrachtet, für uns völlig wer thl os sind, wie wir schon beim ersten Aphorism angedeutet haben, und dass wir aus dem Studium aller dieser, sowohl alten, als neuen Schriften, nur wenig Brauchbares schö- pfen können.61)

13. Das höhere Greisenalter erträgt die Entziehung der Nahrungsmittel am leichtesten; dann folgt in dieser Beziehung das Mannesalter; und demnächst das Jüng-

59) Une science sans unite dans ses principes, sans fixite dans ses fon- demeuts, qui flotte sans boussole aus mille vents de Pexperimentation Ia plus arbitraire, ne saurait profiter ä la pratique que par le spectacle de ses contradietions. Dr. Davasse.

60) Wie viel Tausenden von Menschen hat nur allein der Name Pleu- ritis, und die Gewohnheit, diese Krankheit nur ihrem Namen, nicht ihrer verschiedenen Natur gemäss zu behandeln, das Leben gekostet?

Hufeland kl. med. Sehr. II. 419.

61) Non interpretis munere hoc loco fungar, nee auctoris sententias e diametro contrarias conciliare contendam. Cons. Fernel. XL VI.

I. Buch. Aphorism 13. 39

lingsalter. Am wenigsten ertragen dies die Kinder, und vorzüglich solche, welche sehr lebhaft sind.

Dieser Lehrsatz gilt sowohl für den Gesunden, als für den Kranken, und ist im allgemeinen vollkommen richtig. Es ist daher um so mehr zu verwundern, dass Celsus (I, 3) damit in einigem Widerspruche steht, wenn er Personen des höch- sten Greisen alters (senectute confecti) in dieser Beziehung mit den Kindern (pueris) in dieselbe Linie stellt. Zur Auf- klärung dürfte hiebei dienen, dass die Alten das menschliche Leben in sechs Hauptperioden, und die Letzte davon noch- mals in drei Unterperioden eintheilten. Die erste war nämlich die Kindheit (pueritia) von der Geburt bis zum voll- endeten dreizehnten Lebensjahre; die zweite die Mannbar- keit (pubertas) bis zum Achtzehnten; dann die dritte die Adoleszenz (adolescentia) bis zum Fünfundzwanzigsten, und hiernach die Jugend (Juventus) bis zum Fünfunddreissigsten. Nun erst kommt das männliche Alter (aetas virilis), welches bis zum fünfzigsten Jahre dauert, und wonach das Alter be- ginnt. Diese letzte Periode (senectus) zerfällt in drei Unter- perioden, nämlich: in das kräftige Alter, (senectus virilis) vom fünfzigsten bis zum sechzigsten Jahre, in das zweite Alter (senectus secunda) vom sechzigsten bis zum siebenzigsten Jahre, und endlich das vollendete Qreisenalter (senectus confecta) vom siebenzigsten Jahre bis zum Tode62) (welche letzte Stufe der Glossator schon seit einigen Jahren betreten hat). In die- sem Greise nalter nähert sich der Mensch freilich wieder

62) Pythagoras theilte das menschliche Leben in vier gleiche Theile: vom 1. bis zum 20 Jahre sei man ein Kind, vom 20. bis zum 40. ein junger Mensch, vom 40. bis zum 60. erst ein Mensch, vom 60. bis zum 80. .ein alter, abnehmender Mensch, und nach dieser Zeit rechnete er Nie- mand mehr unter die Lebendigen, er möge auch noch so lange leben als er wolle.

AQ I. Buch. Aphorism 14.

gewissermaassen dem K in d liehen, aber in unsern nördlichen Län- dern später, als in den Südlichen, und am spätesten bei solchen Personen, welche durchweg ein regel- und ordnungsmässi- ges Leben führen, und die mitunter vorkommenden Beschwer- den (durch homöopathische Mittel) schnell und leicht be- seitigen, ohne dabei den übrigen gesunden Theil des Or- ganismus im Mindesten anzugreifen.63) Ob aber, im Wider- spruche mit Hippokrates, solche vollendete Greise in Beziehung auf die Ernährung mit den Kindern in gleicher Linie stehen, dürfte schwer anzunehmen sein und wenigstens sehr zahlreiche Ausnahmen nöthig machen.

14. So lange der Mensch noch im Wachsthume begriffen ist, hat er die meiste Wärme in sich, und bedarf daher der reichlichsten Nahrung, indem sich sonst der Körper innerlich aufzehren würde. Alte Leute hin- gegen haben wenig Wärme und bedürfen daher auch weniger Nahrung, deren Uebermaass ihnen eher nach- theilig sein würde. Eben aus derselben Ursache, weil die Alten kalter Natur sind, treten bei ihnen auch die Fieber mit geringerer Heftigkeit auf. 64)

63) Dass selbst berühmte Aerzte nicht frei waren von dem Wahne, durch Arzneien das Leben zu verlängern, beweist van Helmont, welcher vermittelst seines Elixir proprietatis dasselbe weit über hundert Jahre zu bringen versprach, solches aber für sich selbst nicht bis zum Fünfzigsten brachte. Wir wissen nicht, ob und worin dieses verschieden ist von dem Elixir proprietatis Paracelsi, welches noch heute unsere Pharmakopoen führen.

64) Bei Gelegenheit von Cullens Ausspruch über die grössere Nahr- haftigkeit und leichtere Verdaulichkeit des Fleisches von völlig ausgewachsenen Thieren, sagt Hahnemann (Mat. med. I, 405) in der Anmerkung: „Was wird die gewöhnliche Zunft der Aerzte hiezu sagen, die nichts für leicht verdaulich hält, als was zu weichem Brei durch Kochen wird? Nur recht junge Hühner, recht zartes Kalb- und Lammfleisch, recht weich gekocht, heisst ihnen leicht verdaulichst für den schlaffsten Magen; Roastbeef müsse entsetzlich lange unverdaut im Magen liegen, glauben sie, und doch wider- legt sie alle Erfahrung. Aber dagegen können sie auch nicht begreifen, dass der Magen nicht die Speisen durch seine Muskelkraft zerreibe, nicht,

I. Buch. Aphorism 14. 41

Es geht dem Hippokrates an dieser Stelle, wie fast allen seinen Vorgängern, bis auf unsere Zeit herab. Man begnügt sich nicht mit der einfachen Thatsache, wie die Erfahrung sie angiebt, sondern man will sie auch erklären. Dieses Sym- ptom einer gründlichen Wissbegierde, das allerdings an und für sich überaus ehrenwerth ist, scheint jedem Menschen eingeboren, und ein Attribut seines zum Denken und Combiniren geneigten Geistes zu sein.65) Wenn man aber fragt, was eigentlich unter Erklärung einer Sache verstanden wird, so muss man ant- worten: dass damit auf eine Gleichförmigkeit oder Aehn- lichkeit mit irgend einer andern bekannten Erscheinung in der Natur hingewiesen wird, und zwar oft auf eine solche, die man, wenn man sie etwas genauer beleuchtet, ihrem Wesen nach ebenso wenig begreift, als die zu Erklärende, obwohl sie übrigens keinem Zweifel unterliegt und täglich vor unsern Augen vorgeht. Im Grunde haben daher solche Erklärungen mehr die Eigenschaft eines Gleichnisses, und wenn es im Sprichworte heisst: omnis comparatio Claudicat; so darf dieses claudicare, (wie Corn. Nepos im Agesilaus sagt) nur auf einem Beine stattfinden, weil sonst der Vergleich nicht mehr bloss hinkt, sondern ganz lahm und unbrauchbar wird66)

dass die Speisen anders zum gleichartigen Chymus werden, als durch eine Art von Kochung, wie in unseren Küchentöpfen, oder wie im Digestor. Daher sie fleissig hei der Mahlzeit zu trinken rathen, damit alles recht weich gekocht werde. Dass ungekaut und ungekocht verschluckter, magerer Schinken vom lauen Magensafte leicht zum Zerfliessen gebracht werde, können sie sich nicht einhilden."

65) Unselig Mittelding von Engeln und von Vieh,

Gott gab dir die Vernunft, und du gehrauchst sie nie.

Haller.

66) Argumentum concludit, sed non certificat, neque removet dubita- tionem, ut quiescat animus in intuitu veritatis, nisi eam inveniat via ex- perientiae. Bacon, Op. maj. VI, 1.

Man wird finden, dass mit zunehmendem Alter die Ueberzeugung, man könne in der Arzneikunst wenig oder gar nichts erklären, immer mehr zu- nimmt. G. A. Richter, Spez. Therap. I. Einleitung.

42 !• Buch. Aphorism 14.

Hier nun wird der Verda uungs-Process, wie es auch noch heutiges Tages geschieht, mit einer Verbrennung ver- glichen, und jener dadurch deutlich zu machen versucht.67) Aber auch abgesehen von der sonstigen Angemessenheit dieses Vergleiches, darf man, um klar zu sehen, wohl einen Schritt wei- ter gehen und fragen: was denn eigentlich eine Verbrennung sei? Wenn eine Verbrennung in der Auflösung und Zer- störung der brennbaren Stoffe durch Hinzutritt des Feuers besteht, so erstreckt sich dieser Process über Alles, was verbrenn bar ist, ohne das Eine oder das Andere dabei zu verschonen. Bei der Verdauung ist dies aber keineswegs der Fall, sondern hier tritt bloss eine beschränkte Art von Zersetzung ein, welche die Chemie in solcher Weise noch nicht darzustellen vermochte, indem sie sich eben nicht weiter erstreckt als nöthig ist, um diejenigen Bestand th eile der Nahrung, welche für die Erhaltung des lebenden Kör- pers erforderlich sind, von den dazu Unbrauchbaren abzu- sondern, damit jene aufgenommen, diese aber ausgeschieden werden können.68) Man sollte meinen, dass die geringen

67) Schon v. Helmont bemerkt (ort. med. p. 162) sehr richtig: „dass die Wärme die Verdauung gar nicht befördert, denn diese geht in der stärksten Fieberhitze nicht besser von Statten, als in Fischen, die der thierischen Wärme der Säugethiere durchaus entbehren."

68) Aeusserst wahr und treffend sagt Hufeland in seiner Makrobiotik (I, 7): „Unaufhörlich werden neue Bestandteile aus der ganzen uns umgebenden Natur anfgefasst, aus dem todten Zustande zum Leben hervor- gerufen, aus der chemischen in die organische belebte Welt versetzt, und aus diesen ungleichartigen Theilen durch die schöpferische Lebenskraft ein neues, gleichförmiges Produkt erzeugt, dem in allen Punkten der Charakter des Lebens eingeprägt ist. Aber eben so unaufhörlich verlassen die ge- brauchten, abgenützten und verdorbenen Bestandtheile diese Verbindung wieder, gehorchen den mechanischen und chemischen Kräften, die mit den Lebenden in beständigem Kampfe stehen, treten so wieder aus der or- ganischen in die chemische Welt über, und werden wieder ein Eigenthuin der allgemeinen unbelebten Natur, aus der sie auf kurze Zeit ausgetre- ten waren."

I. Buch. Aphorism 14. 43

Aehnlichkeiten, welche sich dabei mit der eigentlichen Verbrennung darstellen, nicht hinreichen dürften, um beide für identisch, oder auch nur für ähnlich anzusehen. Vielmehr wird auch hier der vorurtheilsfreie Beobachter wieder eine Erscheinung wahrnehmen, welche ihm die grossen Unter- schiede erkennen lässt, die zwischen der lebenden und der todten oder abgestorbenen Natur bestehen, und die ihn warnen, die che mischen Vorgänge69) bei todten Körpern nicht mit den organischen Processen zu verwechseln, welche in einem Körper vor sich gehen, so lange dieser von einer höheren, immateriellen Dynamis beherrscht und in allen seinen Thätigkeiten geleitet wird.70)

Wir werden im Verfolge dieser Glossen noch öfter Gelegen- heit haben, auf diese wesentliche und so oft übersehene Ver- schiedenheit zwischen Leben und Tod zurückzukommen, worüber sich der gelehrte Professor Dr. Schultz-Schultzenstein in der ersten Sitzung der dreiunddreissigsten Versammlung deutscher Naturforscher und Aerzte (in Bonn 1857) in so be- redter und eindringlicher Weise ausgesprochen hat, und worauf

69) Was wir durch unsere gesunden Sinne, namentlich durch das Auge, das Gehör, den Geruch und den Geschmack wahrnehmen und zu unterschei- den wissen, kann weder durch die Physik, noch durch die Chemie in seiner Eigenthümlichkeit dargestellt werden.

70) Der alte, so oft als bildliche Redefigur gehrauchte Spruch: Der Geist beherrscht die Masse! bewahrheitet sich nirgends umfassender und ausnahmsloser, als da, wo ein organisirter Körpertheil unter der Herrschaft des Geistes der Lebenskraft steht.

Es entspricht im Ganzen der Erfahrung, was Plinius (XI, 118) über die Verdauung und deren Einfiuss sagt: „Somno concoquere, corpulenttae quam firmitati utilius. Ideo athletae malunt cibos ambulatione perficere. Pervigilio quidem praecipue vincuntur cibi. Augerunt corpora dulcibus, atque pinguibus et potui, minuuntur siccis et aridis frigidisque, ac siti!"

Möchten die chemischen Arzneimittellehrer doch die stets sich wieder- holende Thatsache reiflich erwägen, dass bei der Heilung kein Verhältnis« in der Menge zwischen der Arznei und der Krankheit besteht, mithin ein auffallender Unterschied zwischen einem Heilungsvorgange und einem chemischen Processe stattfindet. Dr. Stens, die Ther. uns. Zeit, S. 52.

44 !• Buch. Aphorism 15.

im Grunde das ganze System der Homöopathie begrün- det ist.

15. Im Winter und im Frühjahre ist die natürliche Wärme der inneren Bauchhöhle erhöht und der Schlaf ver- längert. In diesen Jahreszeiten muss daher reich- lichere Nahrung genommen werden, indem wegen der vorhandenen grösseren Wärme auch eine grössere Menge von Nahrungsstoff verbraucht wird. Den Be- weis dafür liefern die verschiedenen Altersstufen und die Wettkämpfer.

Wenn man auch Bedenken tragen darf, der angeführten Begründung dieses Lehrsatzes beizustimmen, so muss man doch die Richtigkeit der Thatsache anerkennen, welche die Salernitanische Schule (Cap. 19) etwas vollständiger und mit Hin- zufügung des Inhalts des 18. Aphorisms, aber ohne jene wissen- schaftliche Verbrämung, in den folgenden, damals üblichen leoninischen Versen ausspricht, und welche sich in solchem Ge- wände dem Gedächtnisse leichter einprägt:

Temporibus veris modicum prandere juberis,

Sed calor aestatis dapibus nocet immoderatis.

Auctumni fructus, caveas, ne sint tibi luctus;

De mensa sume quantumvis tempore brumae.

Kälte und Wärme, eben so wie Trockenheit und Feuchtigkeit, spielten in der alten Medizin und bis zu nicht allzu entfernten Zeiten herunter eine grosse Rolle. Aber wenn auch hie und da Einer sie für ein Princip ausgab, wonach die Behandlung eines Kranken eingerichtet werden sollte , so war doch meistens nur ihre Bestimmnng, eine wissenschaftlich sein sollende Erklärung unbestrittener Thatsachen ab- zugeben. Wenn deshalb auch zuweilen einlrrthum mit unter- lief, so war der Nachtheil eben nicht erheblich, und meistens

I. Buch. Aphorism 15. 45

ohne allen Einfluss auf die empyrische Medikation, welche vor allen Dingen nach der bisherigen Erfahrung angeordnet und erst hinterher durch ähnliche Sprüche gleichsam illustrirt wurde. 71)

Weit gefährlicher in ihren Folgen auf die Praxis war ohne Zweifel der Erklärungs-Versuch einiger neuen Phy- siologen, welche die unbestrittenen T hat Sachen lediglich auf Rechnung des zwischen dem Magen und der Haut stattfinden- den Antagonismus setzten.72) Ihnen zu Folge sollte näm- lich die Verminderung der Hautausdünstung im Winter eine Vermehrung der Absonderung des Magensaftes, und eben so das Gegentheil im Sommer von dem umgekehrten Ver- hältnisse eine natürliche Folge sein. Darnach würde es als ein durchaus rationelles Verfahren erscheinen, wenn der Arzt, um den Appetit zu heben, und um die Verdauung zu beför- dern, die Hautthätigkeit künstlich verminderte, oder gar unterdrückte, was glücklicher Weise nicht leicht gelingen, aber zuverlässig den beabsichtigten Zweck durchaus verfehlen würde.73) Aber zur Ehre des Hippokrates und seiner Schüler möge hinzugefügt werden, dass ein solches Unheil- Verfahren wohl niemals bei einem verständigen Arzte zur Ausführung gekom- men ist, und dass in diesem Aphorism wohl hauptsächlich nur eine, zur Erleichterung des Kranken dienende Modifikation in

71) Les logiciens, et ceux qui jugent des maladies par leur propre en- tendement, le plus souvent sont homicides. Breche, p. 231.

72) Tout medecin de boune foi sera oblige de recounaitre, que les travaux des anatomo-pathologistes, pris dans leur ensemble, ont ete d'un bien faible secours, jusqu'ici, ä la pratique medicale.

Leon Simon, Exposition, p. 394.

73) Er (der Arzt der physiologischen Schule) könnte ferner mit dem gleichen Rechte behaupten, es sei unbegreiflich, daher auch nicht mög- lich, dass dasselbe Sonnenlicht das Wachs bleiche und das Chlorsilber schwärze, weil dieselbe Ursache nicht verschiedene Wirkungen haben könne.

Dr. v. Grauvogl, d. hom. Aehnl.-Gesetz, §. 70.

46 I- Buch. Aphorism 16.

der überstrengen Diät, wie die Alten sie vorgeschrieben, beab- sichtigt wurde. 74)

1 (3. Flüssige Nahrungsmittel sind allen Fieberkranken zu- träglich, am meisten aber Kindern und denen, die an eine solche Diät gewöhnt sind.

Es ist eine alte und constante Erfahrung, dass in den mei- sten Fällen die Fieber, worunter hier wohl hauptsächlich die Fieberhitze zu verstehen ist, von Durst begleitet sind, und dass die Befriedigung desselben durch Trinken75) von der Natur selbst angeordnet ist. 76) In so weit also spricht dieser Aphorism

74) Unter den Alten war ohne Zweifel Herophilus der gelehrteste Ana- tom; aher er hatte auch, nach dem Zeugnisse des Celsus (in praef.) zahl- reiche Verbrecher lebendig geöffnet, weshalb ihn Tertullianus (de anima c. 10.) „medicus aut lanius" nennt, der sechshundert lebende Men- schen aufgeschnitten habe, um die Natur zu studiren.

Ein Bursche, der über einem Cadaver nicht das feinste Essen vergisst, wird nie ein tüchtiger Anatom. Dr. Mausard.

„Wir können die Gemengtheile, welche den thierischen Körper bilden", gesteht selbst der wahrheitsliebende Chemiker Hermbstädt, „nur nach seinem Tode untersuchen und nur daraus beurtheilen, welche Veränderungen solche gegen einander auszuüben vermögend sind. Was die Lebens- kraft hierbei wirken kann, und wirklich wirkt, ist uns gänzlich unbekannt ! Dass aber die Actionen, welche die Bestandteile des thierischen Körpers nach dessen Tode auf einander ausüben, wesentlich von denjenigen ver- schieden sind, welche während der Activität der Lebenskraft stattfinden, lehrt die Erfahrung. Wir wissen daher noch gar nicht, ob und in wie fern die Bestandtheile des thierischen Körpers nach dem Tode noch dieselben sind, die sie im Leben waren: wir wissen nicht, ob nicht mit dem letzten Actus der Lebenskraft eine neue Wechselwirkung ihren Anfang nimmt und neue Stoffe gebildet werden; und dieses muss allerdings erst noch ausge- mittelt werden, bevor der Pathologe mit Zuversicht ein Urtheil, aus chemischen Principien entwickelt, wagen darf."

75) Mit dem Definiren ist es oft eine eben so schwierige Sache, als mit dem Erklären. Eine überall und unter allen Verhältnissen durchaus gültige Dcfinirung des Trinkens, im Gegensatze zum Essen, möge als Beispiel dienen ; obwohl man im gemeinen Leben in der Anwendung der einen oder der anderen Bezeichnung sich wohl schwerlich jemals irrt.

76) Viele Jäger, besonders die im höheren Gebirge, kennen sehr wohl das echt homöopathische Mittel, um in wenigen Minuten den heftigsten

I. Buch. Aphorism 16. 47

sich im Allgemeinen ganz den Forderungen der Natur gemäss aus. Aber, wie überall in derselben, kommen auch hier wie- der Ausnahmen von der Regel vor, die auf Beachtung und Be- folgung nicht minder Anspruch haben, als diese selbst. Es giebt nämlich Fieber, welche, wie jeder Arzt weiss, ganz ohne Durst sind; Andere, wo nur beim Froste Durst, bei der Hitze aber gänzliche Dur stlosigkeit eintritt; bei noch Anderen erscheint der Durst vor dem Fieber, oder zwischen Frost und Hitze, oder erst nach dem Fieberschweisse. Alle der artigen Verschiedenheiten, wovon Jede bekanntlich auf bestimmte Mittel hinweist, sind für den Homöopathen von vorzüglicher Erheblichkeit und für die Wahl der hülfreichen Arznei von weit grösserer Wichtigkeit, als die obige allgemeine Regel. Denn eben in solchen Ausnahmen liegen die meisten und vorzüg- lichsten charakteristischen Zeichen, welche uns über die Angemessenheit der Arznei die sicherste und bestimmteste Auskunft geben.

Die ältesten Aerzte, von Hippokrates, Galenus uud Celsus an, waren ungemeine Lobpreiser des vielen Wassertrin- kens77) beim Fieber, und schon von dieser Zeit her schreibt sich der alte Spruch: „bibendum aut moriendum!" Auch die, vorzüglich in Frankreich noch sehr übliche Ptisane von einer

Durst zu stilleu. Wenn sie nämlich nach einer anstrengenden Fasstour, namentlich bei schwüler Gewitterluft, triefend vor Schweiss, von einem fie- berhaften, quälenden Durst ergriffen werden, welcher sich durch keinerlei Getränk besänftigen lässt: so nehmen sie ein Paar kleine Körnchen Koch- salz, lassen diese auf der Zunge zergehen, und der Durst ist sofort gänz- lich und dauerhaft verschwunden. Wir selbst, sowie Mehrere unserer Be- kannten, haben die Unfehlbarkeit dieses Mittels in öfteren ähnlichen Fällen an uns selbst erprobt.

77) In den Tischreden des Plutarch (VI, 4) finden wir ein leicht aus- führbares Mittel, auch in der heissen Jahreszeit ein möglichst kaltes Trink- wasser zu erhalten. Man schöpft solches nämlicli schon Abends und lässt es über Nacht in dem Gefässe, dicht über dem Wasser des Brunnens hängen.

48 I. Buch. Aphorism 16.

Abkochung von Gerstenschrot, stammt schon vom Altvater der Medizin her, wie in dessen Schrift über die Lebensordnung in hitzigen Krankheiten zu lesen ist.

Aber dasjenige, was wir heute die Wasserkur nennen, und wobei der innerliche Genuss des Wassers, sowie die äussere Anwendung desselben bis zum Uebermaass getrieben wird, ist eben so gut eine Erfindung der neueren Zeit, als die trockne Semmel- Kur,78) und wird nicht leicht mit den grossen Fort- schritten in Einklang zu bringen sein, welche in der selben Zeit die Physiologie gemacht hat.79)

78) DasKriegsministerium in M... verbot durch Rescriptvoni 12. Mai 1853 in den Militär-Krankenhäusern die Homöopathie, die Semmelkur, die Morison'schen Pillen, die Sympathie und andere derartige Mode-Kuren, aber nicht die Wasserkuren. Ne sutor ultra

79) Quant ä dire de l'hydrotherapie qu'elle ait jamais gueri, c'est ä dire une diathese morbide quelle qu'elle soit, je le nie abseulument; et je trouve le preuve de mon opinion dans les nombreux malades que j'ai vus apres qu'ils avaient use de ce moyen pendant un temps assez long. Continue pendant longtemps, il use la vie qu'il devrait conserver. C'est une maniere de vivre avec energie; mais de vivre vite. J'ai ete souvent frappe de la rapidite avec laquelle ont vieilli les adorateurs passionnes de l'eau froide. Leon Simon, exposition, p. 558.

,,Es war einmal Mode", sagt J. J. Rousseau in seinen Confessions, IV, 1 „dasfc Wasser als Arznei für Alles zu gebrauchen. Ich ergab mich demselben mit so weniger Vorsicht, dass es mich beinahe, nicht von meinen Leiden, sondern von meinem Leben befreit hätte. Alle Morgen beim Auf- stehen ging ich mit einem grossen Becher an den Brunnen und trank beim Spazierengehen zwei Flaschen voll; bei den Mahlzeiten genoss ich durch- aus keinen Wein mehr; kurz, ich trieb es soweit, dass ich meinen Magen gänzlich verdarb, der bis dahin gesund gewesen war. Da ich nicht mehr verdaute, so war ich überzeugt, dass ich auf keine Heilung mehr hoffen durfte."

Der erfahrungsreiche Hufeland rechnete zu den vorzüglichsten Mitteln, sich frühzeitig „das Alter zu inoculireii", auch noch namentlich „das zu weit getriebene oder wenigstens falsch verstandene System der Abhärtung durch Kälte, häufige kalte und lange fortgesetzte Bäder in Eis wasser u. s.w." Es kann nichts geschickter sein, den Charakter des Alters zu bewirken, als eben dies.

I. Buch. Aphorism 17. 49

17. Einigen Kranken muss man täglich ein- oder zwei- mal, Anderen in grösserer oder geringerer Menge, und wiederum noch Anderen öfters, aber jedesmal nur wenig auf einmal an Nahrung zukommen lassen. Hier hat man sich nach der Gewohnheit, nach der Jahreszeit, nach der Himmelsgegend und nach dem Alter zu richten. 80)

Unter den «massgebenden Bedingungen und Verhältnissen, worauf der Arzt bei seinen Diät-Vorschriften ein besonderes Augenmerk zu richten hat, und die hier in der letzten Phrase in ganz allgemeinen Zügen angeführt sind, fehlt offenbar die Hauptsache, nämlich: die Natur der Krankheit und das Stadium, worin sich solche befindet. Es macht nämlich einen grossen Unterschied, in welchem Grade die Verdauungsorgane ange- griffen sind, und eben so, inwiefern die allgemeine Schwäche einer Unterstützung durch Nahrung bedarf. Gerade in diesen beiden Beziehungen hat der Arzt oft die grössten Schwierigkei- ten zu lösen, um das richtige Maas zu beurtheilen, indem dabei der Kranke nicht selten Abneigungen oder Bedürfnisse äussert, die lediglich in seinem abnormen Zustande ihren Ur- sprung haben, und daher leicht zu Trugschlüssen verleiten. Das entschiedene Verlangen nach Diesem oder Jenem, sowie die bestimmt ausgesprochene Abneigung gegen gewisse, sonst unschädliche Dinge, machen in der Regel davon eine Ausnahme, und geben fast stets dem Arzte eben so sichere Fingerzeige,

80) Die reichen Griechen speiseten, wie es auch heute geschieht, spät zu Mittage. Nach Aristophanes (£->ikXt]Oi.<x£ov6uis) gingen sie zu Tische, wenn ihr Schatten zehn Fuss mass.

Bekanntlich herrschte bei den alten Griechen und Römern die Sitte, nicht des Mittags, sondern erst Abends eine volle Mahlzeit zu halten. Nach derselben wurde aber jede Art von Anstrengung, sowohl des Geistes als des Körpers, vermieden.

50 I- Buch. Aphorism 18, 19, 20.

als die Genüsse, welche dem Kranken zuträglich oder schäd- lich sind.81)

18. Im Sommer und im Herbste werden die Nahrungs- mittel am schwersten verdaut; am leichtesten im Win- ter, und dann im Frühjahre.

Dieser Aphorism dient lediglich zur Ergänzung von Apho- rism I, 15.

1 9 . Während der periodisch auftretenden Verschlimmerungen darf man dem Kranken weder Nahrung reichen, noch ihn dazu nöthigen; selbst kurz vor dem Eintritte der- selben muss solche vermindert werden.

Desgleichen eine Vervollständigung von I, 8 und 11.

20. Während und nach Eintritt einer Krise darf weder durch Arznei, noch durch irgend sonstige Eeizmittel eine weitere Einwirkung hervorgebracht, oder die Vor- handene erhöht werden; sondern man muss alsdann ruhig den weiteren Verlauf abwarten.

Das ist einer der wichtigsten, aus sorgfältigster Be- obachtung des Herganges in Krankheiten geschöpften Lehrsätze, welcher nicht ernstlich genug beherzigt und befolgt zu werden verdient, und wogegen so vielfach gefehlt wird.

Wenn man das' übliche Verfahren vieler Aerzte be- trachtet und auf den, oft täglich von Neuem vorgeschriebenen

81) Valetudo sustentatur notitia sui corporis atcjue observatione eamm rerum, quae aut prodesse aut obesse soleant. Cicero de off. L. 2.

I. Buch. Aphorism 20. 51

Recepten die Signatur liest: „alle zwei oder alle drei Stunden!", ohne inzwischen der Wirkung der Arznei die erforderliche Zeit zu gestatten: so hat man vollkommene Ursache zu behaupten, dass dies Verfahren keineswegs hippokratisch, und mit einer richtigen Einsicht in den physiologischen Her- gang bei einer Heilung durchaus nicht in Uebereinstimmung zu bringen ist.

Wenn dagegen in irgend einem Punkte die Homöopathie entschieden auf dem Standpunkte des Hippokrates steht: so ist dies hier der Fall, wo es sich um die heilende Wirkung einer Arznei handelt. Die bezüglichen Paragraphe von Hahnemann's Organon,82) so wie dasjenige, was dieser scharfsinnige Be- obachter darüber in dem ersten Bande seines Werkes über die chronischen Krankheiten sagt, lassen darüber auch nicht den mindesten Zweifel aufkommen. Auch die Praxis aller er- fahrenen Homöopathen bestätigt dies durch ihre Erfolge.

Es dürfte daher hier die passendste Gelegenheit geboten sein, mit wenigen Worten dasjenige zu besprechen, was die Homöopathen als die Grundlage ihrer Methode ansehen, und wo- nach sie demgemäss ihr Heilverfahren einrichten.

Alle Krankheiten beruhen, dieser Ansicht zufolge, auf einer inneren, immateriellen, rein dynamischen83) Verstim-

82) Unter dem Kollektiv-Nauien: Organon begriff man bekanntlich sechs getrennte Abhandlungen des Aristoteles logischen Inhalts, wogegen sich Baco in seinem Novum Organum erhob. Ohne Zweifel hat Hahne- inann seinem Hauptwerke über die Kunst zu heilen denselben Titel gege- ben, um sich in der Medizin auf einen ähnlichen Standpunkt zu stellen.

Das erste ,, Organon der Heilkunde1' ist von einem Dr. Joh. Benj. Erhard, und findet sich in Koschlaub's Magazin, B. 2, 3.

Das Motto des Organons: Aude sapere! gewinnt auch in Beziehung auf die ärztliche Praxis eine beachtenswerthe Anwendung, wenn man zur Sicherheit der Mittelwahl damit in Verbindung bringt, was in der heiligen Schrift (Köm. 12, 3) zu lesen ist : Non plus sapere, cpiani oportet sapere, sed sapere ad sobrietatem.

83) Um Hahnemanns Dynamismus richtig zu verstehen, muss man sich strenge an die Worte der §§. 9 und 10 des Organons halten. Hier

4*

52 I. Buch. Aphorisrn 20.

mung der Lebenskraft, welche sich entweder bloss auf ein- zelne Organe beschränkt, oder den ganzen Organismus ergriffen hat; und wenn dabei fremdartige oder verdorbene Stoffe im Körper vorhanden sind, so darf man sie, mit alleiniger Aus- nahme der von Aussen Eingeführten, nur als Produkte jener Störungen der geregelten Lebensthätigkeit, keineswegs aber als eine eigentliche Krankheitsursache ansehen, mit deren Aus- treibung die Gesundheit wieder hergestellt sein würde.

Diesen natürlichen Krankheiten gegenüber enthalten sämmtliche Stoffe, welche wir zum Unterschiede von den rein nährenden Dingen mit dem Namen Arzneien bezeichnen, eine ähnliche, rein dynamische,84) die Lebenskraft verstim- mende, das heisst krankmachende Eigenschaft, wodurch

stellt er ausdrücklich die Lebenskraft in die Mitte und zugleich als Ver- mittlerin zwischen der Materie, woraus der Körper besteht, und dem ver- nünftigen, in uns wohnenden Geiste. Ohne Lebenskraft ist der ma- terielle Organismus keiner Empfindung, keiner auch dem Willen nicht un- terworfenen Thätigkeit, keiner Selbsterhaltung fähig, sondern löset sich, wie jeder todte Leichnam, wieder in seine chemischen Bestandteile auf; mit Derselben besteht der harmonische Lebensgang in Gefühlen und Thätig- keiten, so dass nicht nur die Materie in ihrer Mischung erhalten werden, sondern auch der Geist sich dieses Werkzeugs zu den höheren Zwecken dieses Lebens bedienen kann. Hier bildet also eine Dreiheit (Tpia'g) (Seele, Lebenskraft und Materie), wie in der Pflanze eineZweiheit (dvccg) (Lebenskraft und Materie) das Wesen des Lebendigen, wodurch es sich von der ganzen übrigen unorganischen Natur (fiovag) unterscheidet. (Conf. I. Thessal. 5, 23.)

Die Aristoteliker nahmen bekanntlich eine dreifache Art von anima an : Die Vegetabilien besassen nur die anima vegetativa ; diese und die anima sensitiva gehörten dem Thierreiche, und nur dem Menschen gebührte ausser jenen Beiden auch noch die anima rationalis.

84) Wir müssen offen gesteheu, dass wir nicht begreifen, wie (zufolge Dr. Pretch, in Hom. und Naturw. III. 15) zu den drei Aggregatzustän- den der Körper, nämlich dem festen, dem tropfbar flüssigen und dem gassförmigen, auch noch der Dynamische gezählt werden kann, der eigent- lich mit dem Körperlichen nichts zu schaffen hat.

Dass Hippokrates als der Gründer der Dynamischen Theorie ange- sehen werden darf, ergiebt sich unter Anderem aus der merkwürdigen Stelle,

I. Buch. Aphorism 20. 53

sie die Fähigkeit erhalten, eben solche Krankheiten in ihrer äusserlichen Aehnlichkeit zu erzeugen, wie die Natur sie hervorbringen kann, ohne dass eben darum auch das innere geheimnissvolle Wesen derselben, welches mit undurchdringlichem Schleier vor unseren Augen stets verborgen ist und bleiben wird, ganz dasselbe zu sein braucht.85)

Es ist nun eine, durch die constanteste Erfahrung be- stätigte, aber allerdings durch blosse Vernunftschlüsse nicht zu beweisende Wahrheit, dass die Arzneien überhaupt die Kraft besitzen, gewisse Krankheiten zu heilen. Bei der Frage: unter welchen Bedingungen dieses geschieht? trennen sich die beiden Schulen, wenn sie auch bisher einträchtig zusammen gegangen sind, indem die Allopathen das Contraria con- trariis, die Homo op athen hingegen das Similia similibus zu ihrer Bichtschnur nehmen. Indessen kommen Beide wieder darin mit einander überein, dass nur die, durch die Arznei zweckmässig erregte Lebenskraft die Genesung bewirken kann, und dass ohne diese und ohne die Beaktion derselben, jedes Heilmittel völlig unwirksam bleiben muss.

In dieser thätigen Beaktion der Lebenskraft erblicken wir Homöopathen die Grundlage, worauf dasjenige beruht, was wir unter Erst- und Nach -Wirkung verstehen. Die Erst- Wir kung einer Arznei ist nämlich diejenige, welche erfolgt, wenn deren krankmachende Eigenschaft auf den leben- den Organismus ihre unmittelbare Einwirkung äussert. Die Nach-Wirkung besteht aber in der Gegenwirkung der- selben thätigen Lebenskraft, gegen jene Angriffe auf dieselbe.

worin er (de prisc. med.) sagt: „oßa KcmoTtafreei uv&qcotios, Ttccvva ano Svvdfizmv yivetcci.

85) La medecine ne consiste que dans la science d'opposer au trouble de la maladie le trouble du medicament.

J. de Mouestrol, de l'Hom, p. 42.

g4 I. Buch. Aphorism 20.

Beiderlei Arten von Wirkungen stehen mithin zu einander in entschiedenem Gegensatze, und obwohl die Eine wie die An- dere nur als Produkte der beiderseitigen dynamischen Kraft,86) sowohl des Lebens als der Arznei, anzusehen sind: so bieten sie doch in ihrem Kampfe gegen einander Verschie- denheiten dar, welche ein geübtes Auge leicht zu erkennen vermag.

Die vollendete Heilung einer Krankheit ist demnach eine unmittelbare Folge der Nach- Wirkung, bei welcher der lebende und unaufhörlich reagirende Organismus im Kampfe mit der Arznei immer mehr die Oberhand gewinnt, bis diese und mit ihr zugleich die natürliche Krankheit (an deren Stelle jene getreten war?) gänzlich besiegt und vernichtet, und damit die Gesundheit wieder hergestellt ist.

Aus dem hiervor Gesagten wird man leicht begreifen, Avie sehr der Homöopath bemüht sein muss, den Kampf zwischen der Erst- und Nach-Wirkung nicht zu stören, oder gar

86) Wir erlauben uns liier mit einigen Veränderungen und Zusätzen zu wiederholen, was wir an einem andern Orte („die Homöopathie u. s. w.l< Münster, bei Coppenrath, 1834, S. 217) über die verschiedenen Benennungen für Kraft angeführt haben: „Die Griechen, welche überhaupt in der philosophischen Ausbildung ihrer Sprache jede andere Nation weit über- troffen haben, trennten sehr sorgfältig durch verschiedene Wörter die ver- schiedenen Begriffe, welche wir mit dem Worte Kraft bezeichnen. Die geistige Kraft, das Vermögen und das Können, ohne Beziehung auf Körperkraft, hiess bei ihnen dvvufiig (von övva/xai, ich kann oder vermag), und sie bezeichneten damit eben sowohl die Arzneikraft, als den Werth des Geldes. KQCczog war bei ihnen dagegen bloss die Körperkraft oder Stärke, und in Folge dessen auch die Aeusserung der roheren Gewalt. Den Willen zu Kraftäusserungen drückten sie mit dem Worte ßiu aus und bedienten sich dessen bei gewaltthätigen -Handlungen. Für die äusserliche körperliche Thätigkeit hatten sie die Wörter qco[A7] und echnr], für das innere Kraft vermögen iG^vg und arevog, und für die blosse Muskelkraft lg. Unserer deutschen Sprache fehlen solche genau un- terscheidende Ausdrücke, und wir sind daher gezwungen, das Mangelhafte durch Beiwörter zu ersetzen."

I. Buch. Aphorisin 20. 55

durch neue Arznei gaben Jener gegen die Letztere zu Hülfe zu kommen und so nur unausbleiblich den Streit zu v er längern.87) Nichts ist daher, unserer Ueherzeugung nach, fin- den Arzt gefährlicher und unheilvoller, als Ungeduld, und niemals wird er in den Fall kommen, ein ruhiges Abwarten zu bereuen, so lange er vermöge seiner genauen Kenntniss der Eigen- thümlichkeit der Arzneien, jenen Kampf noch in voller Thätig- keit sieht und nicht etwa durch Veränderung der Zeichen Ver- anlassimg hat, andere Arzneien zu Hülfe zu rufen. In Bezug auf diese letzte Veranlassung aber, die nicht oft vorkommt, stehen dem Homöopathen die sichersten Criterien und Cautelen zu Gebote, und nicht leicht wird er sich dabei weder der Gefahr einer nachtheiligen Uebereilung, noch der einer schädlichen V e r s ä u in n i s s , biosssteilen. 88)

Hier ist zum Schlüsse dieser Glosse nur noch in aller Kürze anzuführen, dass die Zeit des Abwartens nach erkannter Erst-

87) Quum morbi in longum protrahuntur tempus, nulla est ratio rne- dendi melior, quam pharmacis abstinere. Bagliv. de fibra. p. 50.

88) Daher darf sich der Homöopath den praktischen Blick jener Aerzte nicht aneignen, welche mit geschäftiger Eile von Bett zu Bett rennen, den Kranken ansehen, den Puls fühlen, die Zunge herausstrecken lassen, und nach dem Stuhlgange fragen; die Praxis darf in keine „gedankenlose Boten- läuferei" ausarten, wie ein geistreicher allöopathischer Arzt schreibt.

Griesselich, Skizzen, S. 37.

Si par fois l'homöopathie exaspere le mal pour le guerir, du moins ces douleurs ne sont que de courte duree, et elles sont remplacees bientöt par un soulagement prompt et durable; et, en renversant les mots d'Hip- pocrate, on pourrait dire avec raison de l'homöopathie: Si nocet, tum pro- dest et curatio certa est. Dr. L. Malaise, clin. hom, p. 147.

Ich frage jeden unparteiischen Arzt, ob er glaubt, dass man im ganz gesunden Zustande alle Stunden, oder etwas seltener, eine Saturation des beliebten Brausepulvers, eine Infusion, ein sogenanntes niederschlagendes Pulver und ähnliche Mittel in den Magen bringen könne, ohne die Ver- dauung zu stören, ohne dass die Zunge sich belegt, der Appetit, der Schlaf, die Hauttemperatur, die natürlichen Absonderungen mehr oder weniger davon leiden sollten? Wie müssen aber einem von Krankheit bereits ergriffenen Menschen, dessen Reizfähigkeit schon verändert ist, diese, oder ähnliche Mittel bekommen? Formey, verm. med. Schriften, I, 37,

56 I. Buch. Aphorism 21.

Wirkung einer Arznei je nach der Natur und der Dauer der Krankheit äusserst verschieden ist. Wo in den akute- sten Krankheiten, wie z. B. in der Cholera, diese Zeit sich nach Minuten abmisst, wo in den schmerzhaftesten Leiden solcher Art oft augenblickliche Linderung und schnelle Beseitigung möglich ist,89) da gehen bei chronischen Krank- heiten oft ganze Wochen um, ehe die heilbringende Nachwir- kung sich zu zeigen beginnt. Und gerade in diesen lang- wierigen, veralteten, chronischen Beschwerden ist die zu schnelle Wiederholung derselben, oder das zu frühe Darreichen einer neuen Arznei am allernachtheiligsten, oft in dem Grade, dass der damit angerichtete Schaden kaum und nur mit grossem Ver- luste an Zeit wieder gutgemacht werden kann. An dieser Klippe scheitert am leichtesten der angehende Homöo- path, zumal derjenige, welcher längere Zeit unter der Flagge der Allopathie gedient hat, denn: quo semel est imbuta recens, servabit odorem testa diu!90)

21. Was auszuleeren ist, suche man auf dem von der Natur angedeuteten Wege fortzuschaffen.

Unter diesen Ausleerungen scheint Hippokrates hier nur diejenigen zu verstehen, welche durch Erbrechen oder Stuhl- gang erfolgen, nicht aber Schweisse oder Blutungen, welche

89) Schmerzstillende Mittel waren auch schon den Alten bekannt, und mit dem Ausdrucke ßorj&r](ia (von ßorj&Eco, Schreien, um Hülfe rufen) bezeichnet. Diogenes Laertius erwähnt ihrer im LSben des Plato, welcher sie für einen Bestandteil der Medizin erklärt habe.

90) „Die Fehler der incuriae" sagt Lichtenberg in der Vorrede zu den Hogartschen Kupferstichen, freilich in etwas anderem Sinne, „lassen sich am Ende verbessern durch curae posteriores, allein das Verfehlte nicht, wenn man erst am Ende finden sollte, dass es verfehlt war."

I. Buch. Aphorism 22. 57

der Fassung des Äphorims nicht recht entsprechen. Wenn dem aber so ist, so erhebt sich eine neue Schwierigkeit bei dem folgenden Aphorism, welcher eine Fortsetzung und Ergänzung des Vorigen zu sein scheint und also lautet:

22. Nur das Gekochte, nicht aber das Rohe, darf in Be- wegung gesetzt und ausgeleert werden, also auch nicht gleich beim Anfange der Krankheit, es wäre denn, dass dadurch eine Auftreibung verursacht würde; was aber selten der Fall ist.

Demnach würde man zu dem Schlüsse berechtigt sein, dass man z. B. hei Ueberfüllung des Magens sich mit einem Brechmittel nicht übereilen und die Darreichung desselben so lange verschieben sollte, bis der Mageninhalt gehörig gekocht wäre, eine Voraussetzung, die wohl schwerlich anzunehmen sein dürfte.

Tn dieser Doppeldeutigkeit scheint mithin hauptsächlich die Schwierigkeit zu liegen, welche die Commcntatoren bei diesen beiden Aphorismen gefunden, und welche sie auf Abwege verlockt haben, die man nicht füglich als die Richtigen anerkennen kann.

Der homöopathische Glossator darf dieses Hinderniss mit vollem Fuge bei Seite liegen lassen, da die Homöopathie nie- mals Brech- oder A b führ ungs mittel verordnet (mit Aus- nahme der Ersten bei wahren Vergiftungen) und überhaupt der- gleichen gewaltsame Mittel nicht zu Hülfe zu rufen braucht, um ihren Zweck zu erreichen. Wenn nämlich jemand durch Unmässigkeit den Magen überladen und verdorben hat: so schafft er zu Anfange bloss, so lange das Ueberflüssige noch vor- handen ist, durch freiwilliges, vermittelst Kitzeins des Schlun- des mit einer Federfahne befördertes Erbrechen, solches her- aus, ohne lange die Kochimg abzuwarten. Das Unwohlsein, welches darnach meistens noch zurückbleibt, ist dann nur

58 !• Buch. Aphorism 23.

noch dynamischer Natur und wird, wie jede andere Beschwerde, durch die alsdann nach den Symptomen angezeigten Arzneien be- seitigt. 91) Einen Durchfall aber, die Ausleerungen mögen nun beschaffen sein, wie sie wollen, sucht der Homöopath jedesmal so schnell als möglich zu heben; denn er ist jedesmal in normal und nichts Anders, als ein Krankheits- Symptom. Er weiss auch, dass der Durchfall in bei Weitem den meisten Fällen weit nachtheiliger ist, als Hartleibigkeit, selbst auch dann, wenn nur verdorbene Stoffe dabei ausgeleert werden, weil sowohl das Eine wie das Andere ein sicheres Zeichen einer dynamischen Verstimmung der Eingeweide, die verdor- benen Abgänge aber nur Produkt der Krankheit sind, und weil die Herstellung nur allein durch dynamisch auf die affizirte Lebenskraft wirkende Mittel zu bewirken ist.92)

23. Das Ausgeleerte darf nicht nach der mageren, sondern nrass nach seiner Beschaffenheit beurtheilt werden, in- dem darauf zu achten ist, ob das abgeht, was ent- fernt werden soll, und ob es zur Erleichterung des Kranken dient. Wofern es dabei nöthig ist, und die Kräfte desselben es gestatten, mag man solche Aus- leerungen bis zur Ohnmacht verstärken.

91) Zu Baco's berühmt gewordenem Ausspruche (Nov. Org. II. Aph. 2): „Vere scire est per causas scire," bemerkt sehr richtig Heinroth (über die Hypoth. d. Materie, S. 213): „Aber unglücklicher Weise tritt uns die Natur nie und nirgends in Ursachen, sondern stets und überall nur in Wirkungen entgegen. Nicht bloss Alles, was ist in der Natur, ist ein schon Gewordenes, sondern sogar alles Werdende selbst ist für uns nur in so weit benierkbar, als es ebenfalls ein schon Gewor- denes ist."

92) „Vous perdez," sagt Dr. Bigeon in seiner Med. phys., „en vous purgeant, des sucs nourriciers; cette perte vous affaiblit plus que ne le feraient quelques jours d'une diete tres severe; ä l'irritation des or- ganes digestifs succede une plus grande faiblesse, une inflammation leute, et toujours dan;

I. Buch. Aphorism 23. 59

Auf diesen Lehrsatz stützen sich manche Aerzte, ohne zu bedenken, dass jeder, auch der mindeste Miss griff, bei sol- chem heftigen Verfahren nur allzu leicht zu einem lethalen Ausgange führen kann. Man folgert daraus nämlich die Zu- lässigkeit, ja Selbst die Notwendigkeit der heftigsten Brech- und Abführungs- Mittel bei gastrischen Zuständen und bei sogenannten atrabilarischen Patienten, bei Melancholikern und Geistesverwirrten, so wie die Aderlässe bis zur Ohn- macht, bei Brust- und Lungen-Entzündungen u. s. w. 93) Aber die Erfolge sind meistens, wenn auch nicht immer unmittelbar, so doch in der Folge äusserst beklagenswerth, und in sehr zahl- reichen, überall vorhandenen Fällen schreibt sich eine unter- grabene Gesundheit und ein für die ganze folgende Lebens- zeit andauerndes unheilbares Dahinsiechen, lediglich von einer, in dieser Weise durchgemachten Gewalts-Kur her. Dem Hippokrates und seinem Zeitalter dient dabei zur Entschul- digung, dass ihm zur Behandlung solcher Kranken noch nicht die vielen gelinderen Mittel zu Gebote94) standen, welche jetzt im Besitze der Arzneikunst sich vorfinden. Um so weniger können aber diejenigen, die in dem letzten halben Jahrhundert darin wirklich das Ueb er maass geleistet haben, eine solche für sich beanspruchen, wenn sie mit Kämpf und Broussais95) die

93) Quod si vehemeus febris urget, in ipso impetu eius sanguinem mit- tele, hominem jugulare est. Celsus, II. 10.

94) Melampus erzählt uns: dass der Ibis sich mit seinem langen Schnabel ein Klystir von Nielwasser setze, wenn er verstopft sei, und dass das Nielpferd, um sich zur Ader zu lassen, seinen Schwanz so lange am Schilfe" riebe, bis er blute. Seitdem verordneten die Aerzte das Eine, wie das Andere. (Vergl. Plinius, VIII, 41.)

Wenn man dem Plinius (VIII. 76.) glauben darf, so gehört hieher auch die Ziege, welche bei Augenentzündung durch Einstossen einer Binse oder eines Dorns ins Auge, sich daselbst einen Aderlass verschafft.

95) Zufolge der Gaz. med. de Paris 1839, V. S. 137, behandelte Broussais in einem Pariser Hospital mit seinen üblichen Aderlässen 219

60 I- Buch- Aphorism 24.

unsinnige Sylviussche Humoral -Pathologie geradezu auf die Spitze trieben, und durch neue, willkürliche Hypothesen noch verderblicher machten.

Indessen scheint Hippokrates selbst die G efährlichkeit des vorstehenden Lehrsatzes richtig eingesehen, wahrscheinlich selbst durch einzelne beklagenswerthe Vorgänge unter seinen eigenen Augen die Ueberzeugung davon gewonnen zu haben, indem er in dem gleich darauf folgenden Aphorism einen starken Dämpfer darauf setzt. Dieser nämlich lautet:

24. In hitzigen Krankheiten wende man die Abführungs- Mittel nur selten, auch nur im Anfange derselben allein da an, wo man vorher alle Umstände reiflich er- wogen hat.

Dieser Aphorism, dessen Bestimmung schwerlich zu ver- kennen ist und der die grösste Behutsamkeit bei Anwendung der Abführungsmittel, die damals sämmtlich äusserst dras- tischer Natur waren, in hitzigen Fiebern anempfiehlt, hat noch das Eigenthümliche, dass er mit dem Aphorism I. 22. in Widerspruch zu stehen scheint. Diesem Letzteren zu Folge, soll nämlich nur das Gekochte, nicht das Rohe, und auch nicht im Anfange der Krankheit, wo also noch keine Kochung stattgefunden, und nur allein in Fällen von Turgeszenz, abgeführt werden.

Wir wollen uns um so weniger amnaassen, hier eine Ver- mittelung zu versuchen, als wir ohnedem, wie schon oben be- merkt wurde, mit dergleichen nichts zu schaffen haben und uns für vollkommen befähigt halten, ohne solche heroische

Pneumonien, wovon nicht weniger als 137 gleich starben, und die Uehrigen sich lange Zeit nachher gar nicht wieder erholen konnten.

I. Buch. Aphorism 25. 61

und gewagte Eingriffe in das naturgemässe Spiel des leben- digen Organismus unser Ziel zu erreichen. 9C)

25. "Wenn nur dasjenige ausgeleert wird, was ausgeleert werden soll, so ist es für den Kranken erleichternd und zuträglich ; nachtheilig aber, wenn das Gegentheil geschieht.

Zu vergleichen: Aphorism I, 2. Siehe auch den Aphorism IV, 2 und 3.

96) „Ueber akute Krankheiten" sagt Hippokrates iu seiner Schrift: 7t£Ql SiuiTrjq d£sav „haben die Heilkünstler so bedeutend von einander abweichende Ansichten, dass das, was der Eine für das Allerbeste glaubt und giebt, der Andere für sehr schädlich hält. Desshalb scheint die Arzneikunst der Wahrsagerkunst zu gleichen : indem die Auguren den näm- lichen Vogel bald für gut halten, wenn er ihnen zur Linken, und bald wie der für böse, wenn er zur Rechten fliegt." Und heute?

IL Buch,

Es deutet auf grosse Gefahr für den Kranken, wenn der Schlaf eine Verschlimmerung der Zufälle herbei- führt; bringt er aber Erleichterung, so ist das Gegen- theil der Fall.

2. Als ein günstiges Zeichen ist es anzusehen, wenn der Schlaf das Irrereden aufhebt.

3. Jedes Uebermaass in Betreff des Schlafes, mithin sowohl die Schlafsucht, als die Schlaflosigkeit, sind böse.

Da diese drei ersten Aphorismen des zweiten Buches von demselben Gegenstande, nämlich vom Schlafe handeln, so scheint es angemessen, nur eine, aber dafür auch etwas längere Glosse daran zu knüpfen. Diese aber finden wir fertig und un- verbesserlich in dem Bande V. Heft 3, Seite 1 und ff. des Archivs für homöopathische Heilkunst, und zwar aus der Feder des verstorbenen, ältesten Schülers Hahnemanns, des allseitig verehrten Dr. E. Stapf zu Naumburg, dessen trefflichen Aufsatz über diesen Gegenstand, so weit er hieher gehört, wir um 'so lieber wörtlich folgen lassen , als das händereiche Werk wohl nicht Allen zugänglich sein dürfte.

II. Buch. Äphorism 1, 2, 3. 63

„1. Tb at sachen. Dem scharfsinnigen Beobachter der bei homöopathischen Heilungen stattfindenden Vorgänge bietet sich nicht selten folgende höchst merkwürdige Erscheinung dar. Die Kranken fühlen bald nach dem Einnehmen des ihrem Zustande homöopathisch genau entsprechenden und in der angemessensten (d. h. hinreichend kleinen) Gabe gereichten Heilmittels, eine eigene Beruhigung, eine Neigung zu schlafen, ja, sie verfallen häufig in einen tiefen und festen, längere oder kürzere Zeit dauernden, meist sehr erquickenden und wohlthätigen Schlaf, aus wel- chem sie dann gewöhnlich sehr erleichtert, ja bisweilen, nach Beschaffenheit der Umstände, sogar geheilt erwachen. Diese, von vielen homöopathischen Aerzten beobachtete und mehrfach (in ihren Schriften) angedeutete Erscheinung, ereignet sich eben sowohl bei akuten als bei chronischen Krankheiten. Vornämlich aber findet sie statt bei Krankheiten, welche sich durch patholo- gische Ueberreiztheit des organischen Lebens in seinen verschie- denen, namentlich höheren Sphären charakterisiren. Vornäm- lich wird sie bei rein nervöser Ueberreiztheit, wie sich dieselbe in tausendfachen Modifikationen äussert, beobachtet, wiewohl sie sich auch bei pathologischen Aufregungen des Gefässsystems, von der einfachen Blutwallung an bis zur ausgebildeten Entzün- dung, zu ereignen pflegt. Aber auch bei erelhi sehen Zuständen der niederen organischen Gebilde, z. B. der Schleimhäute, der Drüsen, der Knochen u. dgl. wird sie, wiewohl nicht so häufig und so bestimmt wahrgenommen."

„Auch da, wo ein anomaler Schlaf vorhanden ist, sei es nun ein allzu tiefer, betäubte)1, komatöser, oder ein allzu leiser, unruhiger, unterbrochener, traumvoller, zeigt sich diese Erscheinung, in so fern dann bald nach der ersten Einwirkung des homöopa- thischen Arzneimittels, der betäubte, allzu tiefe, oder der allzu leise, unruhige, unerquickliche Schlaf in einen ruhigen, gesunden und erquicklichen übergeht, was sich aus der ganzen Physio-

64 n- Buch. Aphorism 1, 2, 3.

gnomie des Schlafenden und der auf den Schlaf folgenden Ver- minderung der Krankheit leicht schliessen lässt."

„Diese, durch Einwirkung der passenden homöopathischen Arznei herbeigeführte Beruhigung und Neigung zum Schlafen, nach einem krankhaft aufgeregten Zustande, sowie diese Um- wandlung eines anomalen Schlafes in einen Naturgemässen, findet jedoch nur dann statt, wenn die Gabe, in welcher das wohl- gewählte Mittel gereicht wurde, hinreichend klein und zart war, um die Krankheit ohne merkliche und länger dauernde Erhöhung ihrer Symptome beseitigen zu können. Ist dies nicht der Fall, wird die Arznei in einer, für den Stand der Krankheit zu starken Gabe gereicht, so erfolgt nothwendig vorerst eine Reaktion der Arznei auf die Krankheit und mit ihr ein, kürzere oder längere Zeit dauernder, mehr oder weniger heftiger Sturm (homöopatische Erhöhung), welcher freilich, so lange er dauert, jener Beruhigung, jenem Schlafe hinderlich ist.97) Dann tritt jedoch nicht selten erst nach Beseitigung dieser stürmischen Reaktion Ruhe und Schlaf und mit ihnen Erleichterung ein."

„Diese Erscheinung wird nach Darreichung fast jeder, dem vorliegenden Krankheitsfalle möglich genau homöopathisch ent- sprechenden Arzneipotenz , wiewohl vorzugsweise bei solchen Arzneistoffen wahrgenommen, deren primäre Hauptwirkung in pathologischer Aufregung dieses oder jenes Systems oder Organs, namentlich der höheren Ordnung besteht."

Wir übergehen hier den zweiten Abschnitt über die „Be- deutung des Schlafes überhaupt und dieses Schlafes insbeson- dere", als zu weit von unserm Wege abführend, und schliessen diese Glosse mit:

97) Die Tropfen- und Thicturen-Spenden unter den jüngeren Homöo- pathen mögen diesen Ausspruch des erfahrenen und sorgfältig beobachten- den ältesten Schülers Hahnemanns nicht übersehen und au ihrer eigenen Erfahrung prüfen.

II. Buch. Aphorism 3. 65

„3. Heilsamkeit und Heiligkeit dieses Schlafes. Was die tägliche Erfahrung und die oben mitgetheilten Ansichten, wie an jedem wahren Schlafe, so auch ganz vorzüglich an dem, von welchem hier vorzugsweise die Rede ist, uns deutlich er- kennen lassen: das unersetzlich Wohlthätige und Heil- same, — muss uns zur Pflicht machen, ihn auch in jeder Hin- sicht heilig zu halten, d. h. ihn in seiner ganzen Bedeutung zu würdigen und sein Erscheinen und Bestehen auf keine Weise zu stören."

„Es ist jederzeit ein höchst erfreuliches Zeichen, so wohl für die bald und sicher zu erwartende Besserung, ja Heilung, theils, was damit innig zusammenhängt, für die richtig getroffene Wahl und Gabe des homöopathischen Heilmittels, wenn kurz nach dem Gebrauche desselben eine Beruhigung oder ein sanfter Schlaf sich einfindet. Die Erfahrung lehrt, dass, wenn diese Be- ruhigung, dieser Schlaf auf irgend eine Weise gestört, unter- brochen, verscheucht wird, sei es durch thörichtes inneres An- kämpfen dagegen, oder durch äussere Reize, z. B. Gespräch, Gesellschaft, Geschäfte, aufregende Lektüre u. d. m., dann der durch das' Mittel eingeleitete, und durch den Schlaf mächtig zu fördernde, in ihm seine wahre Begründung findende Heilungs- process, mehr oder weniger, doch gewiss unterbrochen wird, und die bei naturgemässem Verhalten mit Recht zu erwartenden Er- folge des bestgewählten Mittels dann nur sehr unvollständig her- vortreten; wie es denn auch nicht anders möglich ist, da durch solch verkehrtes Beginnen gerade dem entgegen gearbeitet wird, was durch das Mittel bewirkt werden sollte: Beruhigung der nervös-sensoriellen Thätigkeit und gleichzeitiges Hervortreten des vegetativen Lebens und der daraus resultirende, heilsame, gleich- sam kritische Schlaf."

„Wie es schon im gesunden Zustande höchst peinlich und von den schlimmsten Folgen ist, wenn die Natur zu dem so

nothwendigen Schlafe einladet, ihn absichtlich, oft gewaltsam,

5

ßQ II. Buch. Aphorism 3.

durch grosse Geistesanstrengung, oder durch geistige Getränke, Kaffee, Wein u. s. w. zu verscheuchen: wie viel mehr muss es im kranken Zustande verderblich sein, wo der kommende Schlaf eine noch höhere Bedeutung hat, noch unerlässlichere Bedingung zum Genesen ist, wo überhaupt der Organismus des Schlafes noch weit mehr bedarf, als dort. Wer würde ungestraft eine, von der Natur herbeigeführte Krisis unterbrechen ? Nicht geringerer Frever und Leichtsinn ist es, es dann zu thun, wenn die, die Natur in ihrem zartesten und wohlthätigsten Wirken treu nach- ahmende Kunst einen ähnlichen Zustand herbeigeführt hat, nicht minder heilsam und heilig, als jener."

„Aus allem diesen gehet folgende, für die homöopathische Praxis höchst wichtige Regel hervor, deren Beachtung und Ein- schärfung nicht genug empfohlen werden kann, da, wie mich die Erfahrung gelehrt hat, namentlich von Personen der höheren und höchsten Stände, welche auch hierin sich oft und weit von der Natur entfernen, so sehr dagegen gesündigt wird, zu ihrem ei- genen und des Arztes Nachtheil. Der Arzt mache es nämlich allen seinen Kranken, bevor sie das bestgewählte Mittel nehmen, zur Pflicht, wenn sie früher oder später nach dem Gebrauche desselben eine Beruhigung, Neigung zum Schlafe fühlen, ja wenn sich wahrer Schlaf einstellen sollte, ihn auf keine Weise zu stören oder zu beeinträchtigen, er komme, wann er wolle. Hier- bei ist es freilich am zweckmässigsten und sichersten, zu be- stimmen, die Arznei möglichst entfernt von Aufregungen aller Art, selbst angenehmen, kurz von Allem, was diese Ruhe, diesen Schlaf stören könnte, zu nehmen und sich ganz und ungestört der Einwirkung der Arznei zu überlassen. Dies ist besonders da nöthig, wo die Beschaffenheit der Krankheit überhaupt Krisen dieser Art herbeizuführen geneigt ist: also bei Fiebern, Krämpfen, Schmerzen aller Art, geistigen und körperlichen Ueberreizungen sowie vorzugsweise bei reizbaren, sensiblen Personen: wiewohl

II. Buch. Aphorism 3. 67

sie sich auch bei gegenteiligen Personen, besonders bei Kin- dern, zu ereignen pflegen."

„Die Vernachlässigung dieser, aus mannichfacher und sorgfäl- tiger Erfahrung abstrahirten Regel kann die Wirkung der best- gewählten Mittel vernichten, oder doch ungemein schwächen, und somit die schönsten und gerechtesten Erwartungen des Arztes vereiteln, seiner und der Kunst Ehre schaden."98)

So weit die eigenen Worte unseres schätzbaren Freundes Stapf, denen wir Nichts hinzufügen zu dürfen glauben. Auch was den übermässigen, krankhaften Schlaf anbelangt, wie er bei einigen bösartigen Fiebern vorkommt, so ist die Gefährlichkeit desselben bekannt genug und bedarf hier keiner weiteren Besprechung. Aber der übermässige Schlaf der Gesunden, und die, anfangs zur bösen Gewohnheit, später zum Bedürfniss gewordene Neigung, lange im Bette zu verweilen, und bis in den Tag hinein fortzu schlummern, verdient noch eine warnende Erwähnung.99) Man wird sich nämlich erinnern, dass vor einigen Jahren ein reicher Engländer einen jungen Arzt ausgedehnte Reisen hatte machen lassen, um die ältesten Leute aufzusuchen und über deren Verhältnisse und Lebensweise die genauesten Nachrichten zu sammeln. Das auf solche Weise gewonnene Resultat war in der That äusserst merkwürdig. Es fanden sich nämlich bei der, viele Hundert betragenden Zahl von Personen des höchsten Alters überall die grössten Ver- schiedenheiten in Betreff der Gegend, des Klimas, der Konstitution, der Lebensweise und alles dessen, dem man

98) Wir bauen auf die gütige Nachsicht der Leser, wenn wir, viel- leicht zu oft den an sich trockenen Stoff mit Blumen zu verzieren suchen, welche die Literatur überall in reicher Fülle darbietet. Desshalb möge hier auch das schöne Distichon von Meibom einen Platz finden:

„Alma quies optata veni, nam sie sine vita Vivere quam suave est, sie sine morte mori."

99) Das Bett ist das Nest einer Menge von Krankheiten.

Kant, die Macht des Gemüths. 5*

gg II. Buch. Aphorism 4.

sonst auf ein längeres oder kürzeres Leben Einfluss zuschreibt. Nur in einem einzigen Punkte waren die Nachrichten durch- gängig übereinstimmend, nämlich in Bezug auf den Schlaf, indem sich überall herausgestellt hatte, dass sämmtliche Personen, welche das gewöhnliche Lebensalter namhaft überschritten, nur wenige Stunden zum Schlafe gebraucht und verwendet hat- ten.100) — Man wird ohne viele Mühe in seiner eigenen Um- gebung bestätigende Belege zu dieser Erfahrung auffinden können. *)

4. Weder Uebersättigung noch übertriebene Enthaltsam- keit ist zuträglich; überhaupt ist Alles nachtheilig, was von dem Naturgemässen abweicht.

Mit der vollsten Ueberzeugung unterschreiben sämmtliche Homöopathen diesen Lehrsatz, welcher ganz und gar ihren An- sichten und Erfahrungen entspricht. 2)

100) Es ist bekannt, dass der, in der Jugend stets kränkelnde A. v. Humboldt, (wie Napoleon und Leibnitz), nur dreier Stunden Schlaf be- durfte, und bei seiner enormen geistigen Thätigkeit ein so hohes Alter er- reichte. (S. Dorow ßemin. S. 46.)

1) Die naturgemässeste Eintheilung des Tages bleibt gewiss diese: Acht Stunden der Arbeit, acht Stunden der Kühe und acht Stunden der Nahrung, körperlichen Bewegung, Gesellschaft und Aufheiterung.

Hufeland in Kant's Macht des Gemüths.

2) Der schwache menschliche Arm kann auf eine dauernde Art den Gesetzen der Natur nicht entgegenwirken, oder die Weltordnung umwälzen. Der Mensch kann Vieles thun, wenn er sich in dem ewigen Geleise dersel- ben bewegt; allein er wird bald vom grossen Rade der Zeit ergriffen, fort- gerissen und zermalmt, wenn er den Speichen desselben eine rückgängige Bewegung zu geben versucht. Ancillon.

Das unvernünftige Thier weiss, wenn es genug gefressen und getrunken hat, und wenn die Zeit auszuruhen herannaht. Nur der Herr der Schöpfung, der Mensch, isst und schwelgt, ohne hungrig zu sein, trinkt und übernimmt sich im Trinken, ohne zu dursten, legt sich nieder, ohne ermüdet und schläfrig zu sein- Dr. Stevenson, über das Podagra.

II. Buch. Aphorism 4. 69

üass jedes Uebermaass im Genüsse der zur Nahrung be- stimmten Dinge nachtheilig ist, weiss jeder vernünftige Mensch, so wie auch, dass die Beschwerden von einer derartigen Ueber- füllung, wenn sich auch sonst keine krankmachenden Stoffe darunter befanden, oft durch eine Enthaltsamkeit von einigen Tagen sich wieder beseitigen lassen. Aber dieses temporäre Fasten ist keineswegs gleichbedeutend mit dem, was man im eigentlichen Sinne unter Hungerkur begreift. Diese besteht nämlich in einer, längere Zeit fortgesetzten Enthaltung von jeder Art von nährenden Speisen, welche einige Allopathen bei lang- wierigen Uebeln vorschreiben, und sehr oft noch durch Ab- führungsmitte], schwächende Bäder, Schweisse und Ader- lässe verschärfen.3)

Man beabsichtigt dabei hauptsächlich, dass die daneben verordneten inneren und äusseren Heilmittel um desto kräf- tiger einwirken sollen. Von allem Diesen kennt und braucht die Homöopathie Nichts. Sie lässt ungehindert das natürliche Verlangen und Bedürfniss von Speisen und Trank befrie- digen und verbietet nur dasjenige, was entweder durch inwohnende arzneiliche Kräfte eine Störung in der Wirksamkeit der gereich- ten Arznei verursachen könnte, oder, wie es oft der Fall ist, vermöge einer besonderen Art von Idiosynkrasie4) von dem

3) Abstinentiae vero duo genera sunt : alterum, ubi nihil assumit aeger; alteruni, ubi uon nisi quod oportet. Celsus, II. 16.

4) Galenus erwähnte schon der Idiosynkrasien (de Sectis I.), und legte ihnen als Indication ein grosses Gewicht bei.

Die in der Geschichte der Medizin berühmt gewordene Idiosynkrasie des Prof. Chr. de Vega (de arte med. II, 3) gegen Sardellen, scheint mit der übereinzustimmen, welche wir heutiges Tages nicht so gar selten gegen Häringe beobachten, wogegen meistens Lycop., zuweilen auch Ac. fluor. das Heilmittel sind.

Verschiedene glaubwürdige Aerzte haben uns über Idiosynkrasien merkwürdige Thatsachen mitgetheilt, welche jeder physiologischen Erklärung spotten. Wir wollen hier nur Dejean, Whytt, Tissot, de Haen, Boyle, Magnus, Strom, Gaubius, Mosthoff und Autenrieth nennen, deren Namen sämmtlich in unserer Wissenschaft einen guten Klang haben.

70 II. Buch. Aphorism 5.

Kranken nicht gut vertragen und deshalb meistens auch verab- scheut wird. Dies Alles ist so na tur gemäss und dem Schlüsse des Aphorism so entsprechend, dass jeder vernünftige Mensch demselben unbedingt beipflichten muss. Die sogenannte Hun- gerkur der Homöopathen, welche oft den leichtgläubigen Unkundigen aufgebunden wird, ist eine lächerliche, von un- wissenden oder böswilligen Gegnern derselben ersonnene Fabel, deren Grundlosigkeit von jedem bestätigt werden muss, welcher sich jemals in der Behandlung eines Homöopathen be- funden hat. Jene, oben erwähnte wahre Hungerkur der Allopathie aber echt hippokratisch zu nennen, würde schlecht mit diesem Aphorism übereinstimmen.5)

5. Eine aus freien Stücken sich einstellende Mattigkeit kündigt eine bevorstehende Krankheit an.

Es giebt der Krankheiten nicht wenige, welche sich längere oder kürzere Zeit vor ihrem eigentlichen Ausbruche durch ein Gefühl von Ermattung und Kraftlosigkeit ankündigen, welches natürlich nur als ein vereinzelt dastehendes Symptom an- zusehen und in solcher Allgemeinheit völlig ungenügend ist, um darnach mit irgend einer Sicherheit eine bestimmte Arznei wählen zu können.

In sehr vielen, ja in den meisten Fällen solcher nur erst aus der Ferne drohenden Beschwerden, lassen sich aber an- amestische Zeichen auffinden, welche in Verbindung mit den sonstigen Eigenthümlichkeiten einer solchen Mattigkeit in Beziehung auf ihre Erhöhung oder Verminderung nach Tageszeit und Umständen, Materialien genug darbieten, um eine homöopathisch angezeigte Arznei zu wählen, welche dann um so

5) Nulla diaeta, optima diaeta; raodice vivere, pessinic viverc.

Boerhave, princ. diaet.

II. Bueh Aphorism 6. 71

unbedenklicher gereicht werden darf, als wegen der Kleinheit der Gabe, selbst bei ihrer Unangemessenheit, kein erheblicher Nachtheil davon zu befürchten ist. Dieses Letztere ist aber durchgängig der Fall, wenn durch sogenannte stärkende Mit- tel, welche fast stets in der Nachwirkung das Gegentheil zuwege bringen, oder durch Verstärkung einer nahrhaften Diät, bloss gegen das eine allgemeine und undeutliche Symptom verfahren wird. Vielfache Erfahrungen haben es nachgewiesen, dass eine solche angebliche Störung bei offenbar gestörter Ge- sundheit nur die Krankheit noch mehr fördert und nicht selten im Stande ist, diese bis zur Lebensgefährlichkeit zu stei- gern. Hier also handelt der vorsichtige Allopath am klügsten, wenn er vorerst sich damit begnügt, den unthätigen Beobachter abzugeben, während der Homöopath in den meisten Fällen im Stande ist, ohne alle Gefahr die drohende Krankheit schon in ihren ersten Anfängen abzuwenden, wenn er den stets vor- handenen Nebenbeschwerden die gehörige Aufmerksamkeit schenkt. 6)

6. Wofern ein Kranker an seinem leidenden Körper fast keine Schmerzen empfindet: so ist er zugleich gei- steskrank.

Dieser Aphorism ist nur zum Theile richtig. Allerdings lehrt die Erfahrung, dassbei Geistes Störungen die körperlichen Schmerzen in der Regel sehr in den Hintergrund treten

6) Es will uns durchaus nicht einleuchten, dass die Schrift: tibqI T03V ivrog na&äv, welche Galenus als eine Hippokratische anführt, aus dem Grunde für unecht erklärt und der knidischen Schule zugeschrieben wird, weil darin gar zu viel von Nebensymptomen die Eede ist. Gerade die- ser Umstand macht diese Abhandlung für den Homöopathen doppelt in- teressant und lehrreich, und bietet ihm öftere Gelegenheit zu therapeutischen Studien, wozu eine übermässige Kürze der generellen Namen und Symptome nicht hinreicht.

72 II- Buch. Aphorism 6.

und kaum mehr empfunden werden. Selbst bei tiefen körper- lichen Leiden und Zerstörungen wichtiger Lebensorgane sehen wir oft, wie durch Zauber, ein Wohlbefinden ohne alle Klage und mit Verschwinden der gefährlichsten Symptome ein- treten, sobald der Geist sich zerrüttet darstellt und eine Krankheit der Seele sich gleichsam an die Stelle derjenigen des Körpers gestellt hat.7) Aber es giebt auch körperliche Krank- heiten, welche man als Schmerzlose bezeichnen könnte, sowohl Innerliche als Aeusserliche, bei denen der Geist entweder vollkom- men gesund bleibt, wie z. B. bei einigen völlig schmerzlosen Hautübeln und Geschwüren, oder wo nur das Sensorium, nicht so sehr der Geist selbst, abgestumpft ist, wie z. B. bei einigen Nerven fiebern. Alle diese Verschiedenheiten sind bei unseren Arznei-Prüfungen am Gesunden mit grosser Sorgfalt ermittelt und verzeichnet, und werden von uns bei der Wahl der Mittel jedesmal aufs Genaueste zur Berücksichtigung gezogen.

Derselbe Aphorism bietet auch noch Veranlassung, im Vor- beigehen ein Wort über die sogenannten schmerzstillenden Mittel zu sagen.

In der That liefern diese einen merkwürdigen Beleg zu der theilweisen Richtigkeit des eben besprochenen hippokratischen Lehrsatzes. Wie sehr nämlich der Mohnsaft, dieses Haupt- mittel der Allopathie zur Linderung der Schmerzen, auf den Geist wirkt und diesen krankhaft affizirt, ist bekannt genug. Aber auch das noch kräftiger wirkende Chloroform hat eine

7) Ein auffallendes Beispiel von körperlicher Heilung durch Geistes- störung erzählt der Chronist Bülau (Geh. Geschichten, B. 12) von Mira- beau's Grossmutter. Diese dreiundachtzigjährige, bigotte und zum Gerippe abgemagerte Frau, wurde ,,nach falsch behandelter Gicht" wahnsinnig bis zur Raserei, mit Nymphomanie. Vom Augenblicke an, wo sie vom Wahn- sinn ergriffen wurde, blühte sie wieder auf, wie ein junges Mädchen und bekam selbst ihre Regeln wieder. Dieses körperliche Wohlbefinden währte vier Jahre, worauf mit Rückkehr des Verstandes, ihr Leben schnell erlosch.

II. Buch. Aphorism 7. 73

ähnliche Kraft, und es sei uns erlaubt, in der Kürze folgende merkwürdige Thatsache mitzutheilen : Johanna M., eine un- verheiratete Dame von vierundzwanzig Jahren, welche zehn Jahre früher von einem gefährlichen chronischen Augenübel ('Markschwamm) durch uns geheilt war, bekam im April 1849 heftige (rheumatische) Zahnschmerzen, und liess sich bereden, mit Hülfe von Chloroform die Operation des Zahnausreis- sens schmerzlos zu überstehen. Aber der Erfolg war für die Angehörigen entsetzlich. Gleich nach dem Erwachen aus dem Betäubungs-Zustande erschien sie als total verrückt, indem ihr nämlich Alles durchaus fremd erschien, ihr Zimmer, ihre Möbeln, ihre Freundinnen und selbst ihre eigenen Eltern. Sie wusste sich nirgends zurecht zu finden und geberdete sich wie eine Person, die aus der Fremde urplötzlich in einen Kreis völlig unbe- kannter Personen und Verhältnisse versetzt war. Dieser Zustand dauerte drei Tage, wonach er in der Nacht spurlos ver- schwand, aber die Zahnschmerzen gleichzeitig in erhöhtem Grade wiedergekehrt waren. Desshalb wurde nun wieder bei uns homöopathische Hülfe in Anspruch genommen und dabei der erwähnte Vorgang mitgetheilt. Eine einzige Gabe Bry. war zur völligen Heilung der Zahnschmerzen hinreichend.8)

7. Eine Abmagerung des Körpers, welche lange Zeit ge- währt hat, darf nur allmälig, diejenige aber, welche schnell erfolgt ist, kann auch baldigst durch Nahrung wieder gehoben werden.

8) Die Palliativmittel schaden wahrscheinlich desshalb so sehr in chronischen Krankheiten, und machen sie hartnäckiger, indem sie nach ihrer ersten, den Symptomen entgegengesetzten Wirkung eine Nachwirkung zu- rücklassen, die dem Hauptübel ähnlich ist.

Hahnemann's kl. Sehr., I. S. 155.

74 n. Buch. Aphorism 7.

Hier ist eine von den Eigentümlichkeiten ausgesprochen, welche das Wesen und den Verlauf der akuten Krankheiten gegenüber den Chronischen bezeichnen.9) Wenn nach voll- führter Herstellung von einer schweren akuten Krankheit eine bedeutende Abmagerung zurückbleibt: so gehört diese nicht mehr eigentlich zu dieser Krankheit selbst, sondern ist bloss eine Folge davon, die während der Reconvaleszenz sich ohne Gefahr und Nachtheil heben lässt. Es liegt nämlich in der Natur der akuten Krankheiten, dass sie an eine bestimmte und begrenzte Dauer gebunden sind, nach deren Ablauf der Kranke entweder todt oder wieder gesund ist. Die hinterher noch bleibende geringere oder grössere Erschöpfung, Schwäche oder Abmagerung darf daher unbedenklich, in sofern nicht auch die Verdauungs- Organe anfangs noch daran Theil nehmen, vermittelst reichlicherer Nahrung ihre Beseitigung finden, weil nicht zu befürchten ist, dass die noch ungetilgte Krankheit dadurch auf's Neue aufgefrischt und verstärkt werde. Bei den chronischen Krankheiten hin- gegen, die an keine bestimmte Verlaufszeit gebunden sind, die ungeheilt den damit Behafteten bis zu seinem Tode niemals ganz verlassen, und die wohl ihre äussere Form und ihre Hef- tigkeit, nicht aber ihre Natur und ihr inneres Wesen wechseln, bei diesen eigentlichen chronischen Krankheiten stellt sich die Sache ganz anders. Wenn dabei nämlich der Fall eintritt,

9) Es ist ein unverkennbares Naturgesetz, dass langsames oder schnelles Entstehen und Heranwachsen, auch langsames oder schnelles Abnehmen be- dingt. Selbst das Steigen oder Fallen des Barometers, je nachdem es all- mälig oder rasch geschieht, zeigt etwas Aehnliches bei der Veränderung des Wetters an. Es widerspricht daher diesem Naturgesetze, wenn man in Krankheiten die schnell wirkenden Mittel bei chronischen, und die Lang- wirkenden bei akuten Leiden anwendet, oder von Beiden dieselben Erfolge erwartet. Daher gilt bei uns das gewöhnliche „alle zwei Stunden" nicht.

Wenn dem Asklepiades (aus Prusa in Bithynien) auch die erste Ein- theilung der Krankheiten in Hitzige und Langwierige zugeschrieben wird, so finden wir doch schon im Hippokrates Stellen genug, wo dieser Unter- schied hinreichend hervorgehoben wird.

II. Buch. Aphorism 8. 75

dass der Kranke beträchtlich abmagert: so gehört dieses Symptom eben sowohl, wie alle Andern, welche dabei vorkommen, zur Gesammtgruppe derjenigen, welche die Krankheit bezeichnen und kann deshalb nur gleichzeitig mit den Uebrigen geheilt wer- den. Wofern dieses nicht geschieht, so tritt der Nachtheil ein, der im Aphorism II, 10 ganz richtig angeführt wird, dass näm- lich die Krankheit, so lange sie noch besteht, durch vermehrte Nahrung nur verstärkt, das Symptom der Abmagerung demnach zunehmen und der Schaden um so grösser wird.

8. Wenn Jemand nach überstandener Krankheit eine starke Esslust zeigt und gehörig- befriedigt, ohne dabei an Kräften zuzunehmen: so ist dies ein Zeichen, dass er zu viel Nahrung zu sich nimmt. Wenn dies aber bei schwacher Esslust der Fall ist, so ist ihm eine Aus- leerung nöthig.

Auch in den hier angeführten beiden Fällen ist der so eben beim vorigen Aphorism näher bezeichnete Unterschied zwischen akuten und chronischen Krankheiten sorgfältig und scharf im Auge zu behalten. Wenn nämlich nach einer akuten Krankheit der erst erwähnte Fall eintritt: so ist dies ehr Zeichen, dass auch die Verdauungs-Organe an der allgemeinen Schwäche Theil genommen haben, und daher die Verdauung, oder wie man es jetzt nennt, der Stoffwechsel nicht gehörig von Statten geht. Hier muss natürlich die Anordnung getroffen werden, dass der Reconvaleszent nur leicht verdauliche Nahrung, und zwar öfter, aber stets nur wenig auf einmal, zu sich nehme. Bei chronischen Krankheiten liegt aber gewöhnlich eine ganz an- dere Ursache zum Grunde. Wenn da nämlich auch der Haupt- Sturm eines Verschlimmerungs-Anfalls, der oft wie eine ein- zelne, für sich dastehende Krankheit auftritt, beschwichtigt ist: so bleibt doch das ursprüngliche, keineswegs getilgte Siech-

76 II. Buch. Aphorism 9.

th um bestehen, und sehr oft ist dabei eine vermehrte, selbst krankhaft gesteigerte E s s 1 u s t vorhanden , deren Befriedigung dem Kranken mehr schadet, als nützt. Hier kann eine Mässigung in den Genüssen nur als diätetische Beihülfe dienen, während der Fortgebrauch der passenden Heilmittel die Hauptsache thun muss.

In dem letzten Theile dieses Aphorisms ist offenbar nur von geschwächter Verdauung und daher rührender Appetit- losigkeit die Rede, welche in dem Zeitalter des Hippokrales und zum Theile auch noch in unseren Zeiten nur vermittelst Ausleerungen nach Oben und nach Unten bekämpft wurde. Dass die Homöopathie dazu andere, weniger heftige und unan- genehme Mittel besitzt, die mindestens dasselbe leisten, ist be- kannt genug.

9. Wenn man abführen will, muss man die auszuleerenden Stoffe vorher erweichen.

Dieser Lehrsatz war zu den Zeiten des Hippokrates weit wichtiger und nothwendiger, als jetzt, wo man sogenannte ge- linde auflösende Arzneien (Resolventia) besitzt, während die damaligen Aerzte nur die heftigsten, drastischen Abführmittel kannten. Es ist nämlich jederzeit gefährlich, Personen, die an Obstruktionen leiden, ohne Weiteres mit Pu rgirmitteln zu behandeln, auch abgesehen davon, dass, wie die tägliche Er- fahrung in tausendfältigen Beispielen lehrt, eine wahre habituelle Verstopfung niemals durch Solche gründlich und dauerhaft geheilt werden kann. ' Hippokrates spricht daher hier wohl nur von der augenblicklichen Gefährlichkeit eines derartigen Verfahrens, welches dennoch bei einigen Allopathen unbesonnener Weise noch heutiges Tages oft zur Anwendung kommt. Die Homöopathie reicht, wie bekannt, niemals zu solchem Zwecke

II. Buch. Aphorism 10, 11. 77

eigentliche Abführmittel, sondern Arzneien, welche in der Nachwirkung, also dauernd die Verstopfung heben.

10. Je reichlicher man unreine Körper nährt, desto mehr schadet man Ihnen.

Siehe hierzu die Glosse zum Aphorism II, 7.

11. Flüssige Nahrung erquickt leichter, als Feste.

Wenn man bedenkt, dass die nährenden und zu dem Ende in die Säfte übergehenden Best andtheile der Speisen vor ihrer Aufnahme in dieselben von den übrigen, gleichsam als Ve- hikel dienenden und zur Ausscheidung bestimmten Stoße, eine flüssige Gestalt angenommen haben müssen: so ist nichts be- greiflicher, als dass dieser Zweck um desto leichter erreicht wird, je mehr die Nahrungsmittel zu diesem Verdauungs-Processe vorbereitet und in solchem bereits aufgelösten Zustande genom- men werden. In so weil also müssen wir vollkommen diesem Lehrsatze beistimmen.

Wenn man aber daraus folgern wollte, dass jede Nahrung, auch für Gesunde, in dieser Form, einen entschiedenen Vor- zug vor den mehr konsistenten und festen Speisen ver- dienten: so würde man dies in Abrede stellen müssen. Da nämlich die Natur den Mund mit Zähnen zum Zermahnen, so wie den Magen mit ferner die Speisen zerkleinernden und auf- lösenden Häuten und Säften versehen hat: so würden diese Theile durch mangelnde Thätigkeit bei dem Processe der Ver- dauung, wie alle derartigen Naturgebilde des lebenden Körpers, allmälig erlahmen, und ihnen dadurch in anderer Weise Nach- theil zugefügt werden. Am Auffallendsten ist dies der Fall bei

78 IL Buch. Aphorism 11.

Personen, welche sich gar zu sehr dem Genüsse warmer Ge- tränke ergeben haben und dabei alle festen Speisen ver- schmähen. Wird eine solche Lebensweise lange fortgesetzt, so entstehen daraus mancherlei Beschwerden, wie Magenleiden, Un- terleibsbeschwerden, Hysterie u. d. gl. mehr, deren Ursache man oft da sucht, wo sie nicht zu finden ist, und die Wahre fort- bestehen lässt.

Hier möge noch eine Mittheilung Platz finden, welche vor wenigen Jahren (bei Gelegenheit der Einweihung des Hahnemann- Denkmals in Leipzig) der berühmte Dr. Nunez, Leibarzt der Königin von Spanien, dem Verfasser machte, nachdem er un- mittelbar vorher ein Paar Monate bei dem damals berühmten Priesnitz in Gräfenberg verweilt hatte, um das Wesen und die Erfolge der dortigen Wasserheilanstalt10) kennen zu lernen. Dieser versicherte nämlich, dass, nach eigenem Ge~ ständniss des Priesnitz, er zuerst durch die verschiedene Beschaffenheit der Eingeweide bei geschlachteten Schweinen auf den Einfluss kalter oder warmer Fütterung aufmerk- sam geworden sei. Bei den kalt Gefütterten nämlich hätten sich die Gedärme beim Wursten überaus fest und zähe erwiesen, während bei den, mit warmen Tränken Gefütterten diese Gedärme sich dermaassen mürbe und brüchig gezeigt

10) A. Musa, und nach ihm Charmis, sollen schon zu Nero's Zeiten in Rom die Kaltwasserkur angewendet und eingeführt haben.

Wie früher über die Homöopathie, so gab auch am 18, Aug. 1840 die Academie de Medecine in Paris über die Wasserheilanstalt ä la Priesnitz ihr Gutachten dahin ab :

1. dass die Wasserheilkunst eine gefährliche therapeutische Methode sei, die sich auf keine Th'atsache stütze ;

2. dass die Theorie derselben eine Chimäre sei;

3. dass sie im Widerspruche stehe mit allen physiologischen und pathologischen Wissenschaften und die Akademie sie in keiner Gestalt approbiren könne, und

4. dass der Gebrauch des kalten Wassers schon lange in der Medizin eingeführt und bekannten Regeln unterworfen sei.

II. Buch. Aphorism 12. 79

hätten, dass sie beim Stopfen der Würste stets geplatzt und oft ganz unbrauchbar gewesen wären. Wir erwähnen diese angebliche Thatsache nur in Folge der Versicherung eines Drit- ten, aber eines Mannes, dem wohl Niemand die erforderliche Glaubwürdigkeit absprechen wird. n)

12. Ueberbleibsel von einer Krankheit , die nach der Krise noch vorhanden sind, verursachen Eückfälle.

Der vorstehende Aphorism hat den verschiedenen Commen- tatoren viel zu schaffen gemacht. Am leichtesten wurden damit die Humoral- Pathologen fertig, indem sie die Schuld der Rückfälle auf zurückgebliebene Infarkte, böseSäfteund dergleichen schoben und somit diesen Erfahrungssatz leicht er- klären zu können glaubten.

Andere begriffen unter diesen Krankheits-U eberb leibsein dasjenige, was nach unvollständiger Krise von dem räthsel- haflen Krankheits Stoffe noch übrig geblieben wäre, und nur durch eine erneuerte Anstrengung der Lebenskraft, oder durch eine erneuerte Krise ausgeschieden werden könnte. Noch An- dere schoben die Ursache, ohne sich bestimmter über den Her- gang auszusprechen, auf ein allzu reizendes, oder ein allzu weit getriebenes antiphlogistisches Heilverfahren, denen sie konsequenter Weise auch die dabei ungewöhnlich häufig vor- kommenden Metastasen zuschreiben. Wir lassen diese und andere Erklärungs- Versuche ähnlicher Art auf ihrem Werthe oder Unwerth beruhen, und wollen nur kurz und einfach anführen, wie wir, und mit uns wohl der grösste Theil der Homöopathen

11) Notandum, erinnert Plinius (XXVIII, 14) sehr richtig, nulluni aliud animal calidos potus sequi, ideoque non esse naturales. Eine Ausnahme dürften doch wohl die blutgierigen Thiere machen.

gO II. Buch. Aphorisni 12.

die angeführte Thatsache ansehen, die allerdings in der Wirk- lichkeit oft vorkommt.

Den Grundsätzen der Homöopathie gemäss, welche vollkom- men mit der Erfahrung übereinstimmen, muss auch in Bezug auf diesen Gegenstand der oben schon einmal auseinander ge- setzte Unterschied zwischen akuten und chronischen Krankheiten genau im Auge behalten werden.

Wenn es sich nämlich um Rückfälle bei akuten Krank- heiten handelt, so erscheint dieser Ausdruck eigentlich als nicht ganz richtig, sondern sollte vielmehr Nachkrankheit heissen. Die akute Krankheit selbst hat nämlich ihren in der Zeit ziem- lich beschränkten Verlauf, über welche hinaus sie ihrer wesent- lichen Natur nach nicht fortdauern kann. Wenn also hier Nach- krankheiten erfolgen, welche die Genesung verzögern, so ge- hören sie nur in so weit zu der vorhergehenden Krankheit, als diese mit zu den dazu disponir enden Ursachen gehört, in ihrem Wesen aber davon gänzlich verschieden ist. Dahin gehören die Nachkrankheiten nach Scharlach, Masern, Nervenfieber, Cholera u. d. gl. mehr, die oft böse genug sind und oft gefährlicher werden, als ihre Vorgängerinnen, aber sonst Nichts damit gemein haben, und meistens eine ganz davon verschiedene Behandlung und ganz andere Arzneien erfordern.

Bei chronischen Krankheiten, welche zwar an keine bestimmte Verlaufs-Periode gebunden sind, aber dennoch oft in abgesonderten Anfällen auftreten, so dass sie dadurch die G e- stalt akuter Krankheit annehmen, ohne ihre Eigenschaft zu haben, stellt sich die Sache anders. Hier nämlich sind es wirk- liche Rückfälle, wenn nach einem beendigten Anfalle ein wei- terer ähnlicher Akt erfolgt, weil die Krankheit weder ihr na- türliches Ende erreicht hat, noch auch durch die gereichte Arz- nei vollständig geheilt ist.

Ausser diesen beiden natürlichen Verschiedenheiten der akuten und der chronischen Krankheiten steht nur noch eine dritte

II. Buch. Aphorism 12. 31

Art von Nachkrankheit in der Mitte jener beiden, welche man kaum anders als mit dem Namen einer Arzn ei - Krank- heit 12) bezeichnen kann, und die jedesmal eine Folge von allzu heftigen arzneilichen Einwirkungen ist.13) Diese ist weder ein Rückfall eines chronischen Leidens, noch eine Nachkrank- heit einer akuten Erkrankung, sondern eine arzneiliche Nach- wirkung, welche an und für sich oft schon böse genug ist, aber ausserdem in nicht seltenen Fällen sich mit einer früher schlummernden und durch die heftigen Angriffe auf die Lebens-

12) Wenn die Heilung einer chronisch gewordenen Arznei- krankheit an und für sich schon grössere Schwierigkeiten darbietet, als eine Natürliche: so werden Solche noch erheblich vermehrt, wenn von den angewendeten Arzneien, besonders in ihren mannigfaltigen Mischungen keine vollständige Kenntniss zu erlangen ist. Ausser der Unachtsamkeit vieler Kranken und ihrer Angehörigen, welche die Rezepte oft nicht auf- bewahren, giebt es namentlich zwei am häufigsten vorkommende Ursachen, welche wir dabei zu beklagen haben. Die Erste ist die Sitte einiger Aerzte, bei jedem folgenden Besuche das vorige Rezept zur Einsicht zurück zu verlangen und dann zu vernickten. Es bedarf kaum der Erinnerung, dass für das Letztere durchaus kein gültiger Rechtstitel vor- liegt, indem das Rezept ausschliesslich Demjenigen gehört, der es bezahlt hat, und keineswegs dem ordinirenden Arzte, der eine Note etwa aufbe- wahren kann und muss, wenn er es für nöthig hält. Die Zweite ist aber noch schlimmer und weit gefährlicher, nämlich die Befugniss zahl- reicher, von A.potheken etwas entfernt wohnenden Landärzte , selbst ihre Arzneimischungen anzufertigen und zu dispensiren, ohne dem Kranken darüber irgend ein Rezept zu verabfolgen. Ob sie darüber ein vollstän- diges und genaues Buch führen, wissen wir nicht; aber es ist uns bis jetzt noch niemals gelungen, in solchen sehr häufigen Fällen die erfor- derliche Auskunft über die frühere Medikation zu erlangen; während der ordnungsmässige Homöopath aus seinem Journale jederzeit die geforderte Nachweise zu liefern im Stande ist.

Medicamentorum usum magna ex parte Asclepiades non sine causa sustulit, cum omnia fere stomachum laedant malique succi sint.

Celsus, L. V. praef.

13) Ist das Arzneimittel angreifender als die Krankheit, so hat man den Kranken zwar gesund gemacht, aber man hat ihn durch den Prozess des Gesundmachens mehr geschwächt, und also seiner Lebenslänge Mehr entzogen, als die Krankheit für sich gethan haben würde.

Hufeland, Makrobiotik. II. 15. 6

g2 II. Buch. Aphorism 13.

kraft erwachten chronischen Dyskrasie verbindet, und dann oftein Krankheits-Ungeheuer14) darstellt, dessen Bekämpfung für den Arzt meistens eine schwierige und mühevolle Auf- gabe ist. 15)

Zu Beispielen und Belegen für diese Ansichten wird es im Verlaufe dieser Glossen nicht an Gelegenheit fehlen.

13. Die Nacht, welche einer Krise unmittelbar vorher geht, ist für den Kranken eine sehr Beschwerliche ; in der darauf Folgenden befindet er sich aber um so wohler.

Es ist eine konstante Erfahrung aller Zeiten, von Hippokra- tes an, wie wir aus diesem Aphorism ersehen, bis auf uns herab, dass bei dem Heil vorgange ein Kampf stattfindet, welcher zwischen der normalen Lebenskraft einerseits, und anderseits der normalen Krankheits-Potenz geführt wird, und welcher um so heftiger und wahrnehmbarer wird, je näher die Ent- scheidung, die man die Krise nennt, heranrückt. Die Homöopathie bezeichnet diesen Vorgang mit dem Ausdrucke Erst- und Nach- wirkung, wovon früher schon in der Glosse zum Aphorism I, 20. die Bede gewesen ist. Bei Beiden ist die Thätigkeit des lebenden Organismus ein unbedingtes Erforderniss, indem

14) Ebenso, wie noch heutiges Tages, fand Plinius (XXIV, 1) Ur- sache zu beklagen: ,,Postea fraudes houainum et ingenioruni capturae officinas iuvenere istas, in quibus sua cuique hoinini venalis promittitur vita. Statim compositiones et mixturae inexplicabiles decantantur."

15) En effet, une medecine qui n'en serait pas une et produirait plus de bien qu'une medecine reuinissant tous les caracteres de la science, temoignerait au moins du mal que fait sa rivale.

Leon Simon, exposition. p. 560. „Zuweilen aber sieht man Kinder mit Merkur überschwemmen, so dass die Löschanstalten in Erinnerung kommen, die durch das Wasser mehr zerstören, als das Feuer verzehrt." Kopp, Beobachtungen. S. 117. Anm.

II. Buch. Aphorism 13. 83

rein materielle Wirkungen einer Arznei oder eines Krank- heits-Stoffes nur in chemischer, physischer oder mechani- scher Hinsicht bestehen können. Alles aber, was im lebenden Organismus in dieser Weise vorgeht und ein wahrer or- ganischer Lebensprocess ist, kann nur aus dem Leben selbst hervorgehen, und nur darin seine natürliche Grundlage haben. Die Arzneien, eben so wie die natürlichen Krankheiten, können wohl die Anregung, die Veranlassung zu einem solchen Processe geben, aber ohne T heil nähme der Lebens- kraft Diesen nicht zur Ausführung bringen.

Wenn nun dem also ist und die Bestätigung davon überall deutlich vor Augen liegt, so muss es dem vorurteilsfreien Be- obachter geradezu unerklärlich vorkommen, wie es noch heu- tiges Tages gelehrte und denkende Köpfe geben kann, welche die Erst- und Nach- Wirkungen leugnen. Freilich treten diese beiden Gegensätze nicht stets und überall so deutlich her- vor, dass man sie mit groben Händen greifen kann; aber sie müssen nothwendig bei jedem Heilproeesse vorhanden sein, weil sie in der Natur der Sache selbst begründet sind, und ohne diesen gegenseitigen Kampf eine wirkliche Heilung in der That gar nicht denkbar ist.

Die Stärke und Dauer dieser beiden entgegengesetzten Wirkungen ist indessen von sehr verschiedener Art, und theils von der Kraft der Arznei, theils von der Beschaffenheit der Krankheit abhängig. Da nun die Heilung, d. h. die hei- lende Nachwirkung der endliche Zweck des Arztes ist: so ist es eben so seine Aufgabe, die Arznei so einzurichten, dass, unbeschadet einer genügenden Reaktion der Lebenskraft, die Erst-Wirkung sogelinde und so kurzdauernd wie möglich stattfindet, um nicht unnöthiger Weise und zum Nachtheil des Kranken den Kampf zu verlängern.16)

16) Ebenso interessant, als belehrend über den Vorzug der höhern oder niederen Verdünnungen ist die „Schematische Gruppirung", welche

6*

84

II. Buch. Apliorism 13.

Um hierfür aber das richtige Maass zu linden, darf ein- zig und allein nur die Erfahrung befragt werden, indem alle Theorie und alle Spekulation darüber entweder gar keine,

uns neuerdings der Dr. M. Eidherr in der „Zeitschrift des Ver. hom. Aerzte in O esterreich I, 1" am Schlüsse einer sehr werthvollen Abhand- lung über Lungenentzündungen mitgetheilt hat. Hier finden wir nämlich die Resultate der hom. Behandlung der Pneumonien von den Jahren 1850 bis 1859 summarisch zusammengestellt, und zwar in drei Gruppen, welche sich folgender Maassen scharf und deutlich abgrenzen:

1. Gruppe: die in den Jahren 1850, 1851 und 1852 mit der 30. Dezimal-Ver dünnung,

2. Gruppe: die in den Jahren 1853, 1854 und 1855 mit der 6. Dezimal-Verdünnung, und

3. Gruppe: die in den Jahren 1856, 1857, 1858 und 1859 mit der 15. Decirnal-Ver dünnung erzielten Resultate.

Nach spezieller Zusammenstellung der vorher einzeln und umständ- lich beschriebenen Fälle, wovon 55 auf die 1., 31 auf die 2. und 54 auf die 3. Gruppe fallen, ergiebt sich Folgendes in übersichtlicher Weise vom Tage der nachweisbaren Infiltration bis zu dem Tage des Ver- schwindens des Exsudats angegeben:

G>

Der pneumonischen Infiltration

Verschwinden

Dauer

ft

der

£

Dauer

beginnende Lösung

vollendete Lösung

der In- filtration

des Exsudats

Rekon- valescenz

1.

3,0 Tage

3,0 Tage

4,9 Tage

7,1 Tage

12,3 Tage

4,4 Tage

2.

4,1 ii

3,5

6,9

9,3

20,5

5,3

3.

3,0

3,2

6,3

10,3

18,1

4,8 .,

In merkwürdiger Weise stimmt damit auch die Durchschnittszahl der Verpflegungstage überein, welche

bei der ersten Gruppe: 11,3 Tage,

beider zweiten Gruppe: 19,5 Tage und

bei der dritten Gruppe: 14,6 Tage beträgt.

Es ist in der That dabei zu bedauern, dass uns noch ähnliche ver- gleichende Zusammenstellungen von der Anwendung der 30. Centesimal- Verdünnungen und der Hochpotenzen fehlen, nachdem hier schon der erhebliche Vorzug der höhern Verdünnungen vor den Niedern so ent- schieden in Zahlen nachgewiesen ist. Auf die Versuche mit unverdünnten Tinkturen, zweistündlich zu einem oder mehreren Tropfen, wollen wir weit lieber verzichten .

II. Buch. Aphorism 13. 85

oder nur zweideutige und unzuverlässige Antwort zu geben ver- mögen. 17) Selbst dann, wenn es sieb darum handelt, zu wissen, wie stark die Gabe sein dürfe, um das Leben nicht zu gefährden, oder sonst Nachtheil zu bringen, würde man nur sein Vertrauen auf die Erfahrung setzen können, welche in dieser Beziehung auch die Doses praescriptae der allopathi- schen Pharmakopoen normirt hat. Um wie viel mehr ist dies aber für die Homöopathie erforderlich, welche die Frage ganz anders stellt, und nur erörtert: wie Wenig von jedem arz- neilichen (giftigen, schädlichen) Stoffe18) hinreicht, um die nöthige Reaktion hervorzurufen? Diese wichtige Frage hat vom Beginne der Entdeckung des naturgemässen homöopathischen Heilprincipes (Similia similibus) au19) bis zum heutigen Tage den Stifter der neuen Schule und dessen Anhänger auf's Ernstlichste beschäftigt und wurde von ihnen in sofern wenigstens gelöst, als man bereits mit Bestimmtheit weiss, dass die allerkleinsten Gaben mindestens sehr oft, wenn sie nur genau gewählt wur- den, die beabsichtigte Wirkung zu thun im Stande sind. Freilich sind über diesen Gegenstand die Akten noch nicht geschlossen, und die verschiedenen Ansichten gehen dabei noch sehr weit auseinander. Aber soviel ist doch schon jetzt als ausgemacht anzunehmen, dass es, wenn auch nur zur Abkürzung der

17) Wie in allen Gebieten idealer Spekulation, steht aber auch hier die Gefahr der Täuschung neben der Hoffnung einer reichen und sicheren Ausbeute. Humboldt, Kosmos. I. S. 384.

18) - , „non ci dee sembrare strano che coi rimedii vedansi confondere i velani, e che considerati sotto questo punto di vista si gli uni che gli altri vengano ad essere lacosa istessa."

G. Taddei, vel. e contrav. I, 1.

19) In der Mittheilung Hahnemann's von 1814: „Heilart des jetzt hei-rschenden Nerven- und Spitalfiebers" (in H. kl. Sehr. II, 155) sehen wir, dass er damals seine Verdünnungen in der Weise anfertigte, dass er einen Tropfen der Tinctur oder der vorhergehenden Nummer auf sechs Quentchen Weingeist nahm, dieses aber jedesmal drei volle Minuten stark schüttelte.

II. Buch. Aphorism 14.

Erst-Wirkung, jederzeit anzurathen ist, die Gabe so klein zu bemessen, als eben hinreicht, um den Zweck der Erst-Wirkung zu erfüllen, und die heilungbringende Nachwirkung nicht über die erforderliche Zeit zu verzögern.20)

14. Bei Baiichnüssen sind alle Veränderungen in dem Ausgeleerten heilsam, Avenn diese nicht gerade eine noch schlimmere Beschaffenheit annehmen.

Jeder Arzt weiss, dass bei innormalen Ausleerungen die Krankheit nicht eher in ein günstiges Stadium übergebt, als bis diese wieder zu der natürlichen Beschaffenheit zurück- kehren. Dies gilt nicht bloss von der Ruhr, von der Lien- terie, und anderen Krankheiten ähnlicher Art, sondern auch von den Veränderungen in den konsistenten Ausleerungen, welche gewöhnlich in der Begleitung mancher Leiden anderer Organe angetroffen werden. In allen solchen Fällen kann die Heilung ungemein befördert und beschleunigt werden, wenn, wie die Homöopathie solches vorschreibt, nur ein Mittel ge- reicht wird, welches allen diesen Abnormitäten, mithin den Gesammt- Symptomen der Krankheit entspricht.21)

20) Die Allopathie verstärkt allmälig die Gaben, oft bis zu einem gefährlichen Grade von Intoxikation. Die Honiö opathie, wenig- stens Viele ihrer ältesten Anhänger, verkleinert solche, indem sie, wo eine Wiederholung nöthig, zu höheren Potenzen aufsteigt, weil darin die Arzneikraft mehr entwickelt, ihr Wirkungs-Umfang erwei- tert, mithin an Berührungspunkten reicher geworden ist. Die jüngeren Homöopathen näheren sich in diesem , wie in einigen anderen Punkten wieder dem Brauche der Allopathen.

Ein schwerer Irrthum, dem Gealterten und Abgelebten den Sieg über das Jugendliche und Heranwachsende verschaffen zu wollen.

Semilasso in Africa. III, 85.

„Im Organischen", sagt Autenrieth sehr richtig, „erscheint die Wirkung jederzeit grösser, als die Ursache."

21) Qui potest mederi simplieibus, dolose et frustra quaerit com- posita. Villanova.

II. Buch. Aphorism 14. 87

Wenn dagegen, wie so oft geschieht, mehrere nach den In- dikationen gewählte Mittel in einem und demselben, oder in mehrern abwechselnd zu brauchenden Rezepten ver- schrieben werden22): so ist es doch mit einer vernünftigen Einsicht in die Werkstätte der lebenden Natur schwerlich zu vereinigen, wenn man dabei verlangt oder auch nur voraus- setzt, dass nun auch Jedes dieser verschiedenen Arznei- Ingredienzen, woraus diese Gemische bestehen, ungestört und unabhängig von den Andern seine Wirkung entfalten soll.23) Vollends unsinnig muss es aber jedem, mit den eigenthümlichen Kräften der Arzneisloffe hinreichend bekannten Arzte erscheinen, wenn er in solchen zusammengesetzten Re- zepten Mittel aufgeführt findet, welche entweder ganz ent- gegengesetzte Kräfte besitzen, oder in chemischer Beziehung sich einander neutralisiren und wirkungslos inachen, eine Wahrnehmung, die man häufiger zu machen Gelegenheit hat, als sich bei der hohen wissenschaftlichen Bildung unseres Zeitalters vermuthen lassen sollte. Freilich

22) Auch ich siechte einstmals an diesem Fieber (der zusammen- gesetzten Rezepte) ; die Schule hatte mich angesteckt. Hartnäckiger hing dies Miasma, eh' es zur kritischen Ausscheidung kam. meinem Gebein an, als das Miasma irgend einer andern Geisteskrankheit.

Hahnemann's kl. Sehr. I. S. 15.

Obwohl bekanntlich der Wahlspruch des berühmten Boerhave , lau- tete: simplex veri sigillum! so findet man doch, wie der D. Terne in Leiden anmerkte, in dessen Materia medica Arzneivorschriften, wie „Lei- tern von 20 bis 30 Sprossen."

Wenn der Kaiser von China erkrankt, so werden die berühmtesten Aerzte znsammenberufen, wovon jeder seine Mittel verschreibt, die dann Alle zusammengemischt und gebraucht werden. Geneset davon der Kaiser, so werden alle Aerzte gleichmässig und reichlich beschenkt; stirbt er, so werden sie alle geköpft.

Dr. Quin. Brit. Journ. of Hom. 1848.

23) Radix autem veridica esset, ut, si posset fieri, ministraretur semper unica et simplex medicina in omni morbo, donec ejus operatio ponderetur. Avicenna op. p. 395.

gg II. Buch. Aphorism 15.

sind die alten, ellenlangen Rezepte, wie sie noch im vorigen Jahrhunderte gäng und gebe waren, allmählich ver- schwunden; aber Solche, welche nur ein einziges Mittel ent- halten, gehören auch heute noch zu den grossen Seltenheiten.24)

15. Wenn die Schlundhöhle leidet, oder wenn Hautaus- schläge sich zeigen: so muss man die Ausleerungen untersuchen. Findet man Diese galligter Art: so ist der ganze Körper krank; sind Sie hingegen denen des Gesunden ähnlich: so darf man unbedenklich gehörige Nahrung gestatten.

Der Sinn dieses Aphorisms scheint darin zu liegen, dass Halsleiden und Hautübel nicht selten einen gastrischen Ursprung haben, der sich an den Ausleerungen erkennen lässt, und wobei dann mit der Behandlung natürlich auch eine ent- sprechende Diät verbunden werden muss. Wo diese Zeichen aber fehlen, da sind auch die Verdauungsorgane, wenigstens nicht unmittelbar, dabei betheiligt und deshalb eine besondere Enthaltsamkeit von Nahrungsmitteln, wie sie im ersten Buche dieser Aphorismen abgehandelt ist, unnöthig. Wenn wir nun

24) So viel bekannt, ist die älteste, zusammengesetzte Arznei in der Odyssee IV. 220 und 221 unter dem Namen Nepenthes beschrieben.

Könnte doch nur Alles so vereinfacht und leicht gemacht werden, wie es Hahnemann in Betreff der innern Mittel gemacht hat! Und diese Vereinfachung ist kein kleiner Stern in der Krone Halmemann's. Statt aber diese extremste Vereinfachung dankbar anzuerkennen, wirft man Schmähungen über Schmähungen auf dieselbe.

Prof. Hoppe, die Dispeusirfreiheit. S. 74.

Ast minus periti artifices nobis videmur, nisi praelongas, ac inter- dum etiam scriptas a tergo schedas apud aegros relinquamus et in sim- plici quoque effectu non solum simplicia simplicibus sed etiam compositn compositis permisceamus.

B. Bammazini, op. phys. med. p. 88.

Qui longas remediorum formulas conscribit, aut dolo peccat , aut ignorantia. Trithemius.

II. Buch. Aphorism 16. 89

hiergegen, was die Schlussfolgerung in beiden Fällen anbelangt, auch nichts Erhebliches zu erinnern haben: so sind wir doch keineswegs damit einverstanden , dass bei den angeführten Be- schwerden der übrige Körper völlig gesund sein müsse, so lange die Ausleerungen ihre normale Beschaffenheit behalten. Selten wird nämlich der Fall vorkommen, dass bei den erwähnten Halsleiden, oder beim Ausbruche von Hautübeln, ungeachtet der ungestörten Verdauung, der übrige Körper fieberfrei und ganz ohne alle begleitende krankhafte Beschwerden befunden werden sollte. Wir meinen daher, dass bei solchen Umständen, die eben keine gastrische Be- schwerden anzeigen, allerdings von Fasten und Hungern, denen wir auch sonst wenig zugethan sind, abgesehen werden darf, dass aber sämmtliche übrige krankhafte Symp- tome, die sich ermitteln lassen, bei der Mittel wähl hier eben so gut ihre Beachtung verdienen, als bei jeder andern inner- lichen Krankheit. Wir halten es vielmehr für gefährlich und durchaus unzulässig, ein vorhandenes, wenn auch aus ser- liches Leiden, als ein rein Lokales anzusehen und durch blosse äusserliche (Schmier-, Wasch-, Salben- und dergleichen) Mittel zu behandeln. Wenn dies auch leider so oft geschieht, und fast eben so oft die beklagenswerthen Folgen früh oder spät nicht ausbleiben: so kann die Schuld davon doch nicht dem Hippokrates aufgebürdet werden, der solches nirgends an- gerathen hat und hier offenbar missverstanden ist.

16. Beim Hungern soll man nicht arbeiten.

Der bekannte alte Verehrer und Ausleger der Hippokra-

tischen Lehrsätze, Celsus, giebt (I, 2) dem Vorstehenden eine

etwas abweichende Beutung , indem er die Enthaltung von der

Arbeit schon vor dem Fasten (futura inedia) und gleichsam

90 H. Buch. Aphorism 17.

als Vorbereitung dazu empfiehlt. Indessen möchte doch ein überwiegender Grund zu einer solchen Auslegung nicht leicht aufzufinden sein, und wir bekennen uns lieber zu dem oben angegebenen, ziemlich unzweideutigen Ausdrucke dieses Aphorisms, indem es sich wohl von selbst versteht, dass ein durch Enthaltsamkeit von Nahrungsmitteln, besonders in dem Umfange, wie die Allen Diese vorschrieben, abgeschwächter Körper noth wendig jeder ernstlichen Anstrengung unterliegen muss. Wir dürfen uns daher Glück wünschen, dass ein der- artiges, in der That übertriebenes Fasten und Hungerleiden, wie in der Glosse zum Aph. I, 4. näher beschrieben ist, nicht mehr in unserm Katechismus steht.

17. Eine reichlichere Nahrung, als eben natürlicher Weise verdaut werden kann, erzeugt Krankheit; die Heilart dieser Letzteren liefert dafür den Beweis.

Dass der menschliche Körper einer gewissen Menge von Nahrung bedarf, um das Leben zu erbalten, aber darin auch jedes Uebermaass, als der Natur zuwider {naqa cpvöiv), ver- mieden werden muss, versteht sich von selbst. Wenn aber durch Ueber Sättigung eine Krankheit entstanden ist, und es sich darum handelt, diese zu beseitigen, so sind die dazu an- gewendeten Me thoden von sebr verschiedener Art. Die Alten bedienten sich nämlich in der Regel der heftigsten Brech- und Abführungsmittel, die auch zu unserer Zeit noch auf der Tagesordnung stehen", obwohl die Uns er igen "weit weniger drastisch und gefährlich sind, als die damals Angewendeten Wir Homöopathen glauben aber und haben den Beweis dafür täglich vor Augen, dass mit den zu solchem Zwecke bewirkten Ausleerungen bei Weitem nicht immer die ganze Krankheit

II. Buch. Apliorism 17. 91

gehoben ist. Wir bekommen vielmehr zahlreiche Fälle zur Be- handlung, wo nach öiner, oft viele Jahre vorher verübten Unmässigkeit im Genüsse dieses oder jenes, an und für sich nicht eben schädlichen Nahrungsmittels, die nachgebliebenen Magenleiden noch immer unverändert fortdauern und eine Art von chronischer Magenkrankheit sich festgesetzt hat, die jedesmal dann am Heftigsten auftritt, wenn auch nur geringe Quantitäten von denjenigen Speisen genossen werden, womit zu Anfange die Ueberfüllung geschehen war. Dass in solchen, wie gesagt, gleichsam chronisch gewordenen Leiden erneuerte Brech- und Pur gir- Mittel nicht nur gänzlich wirkungslos, sondern vielmehr schädlich sind, und den Magen immer mehr schwächen , ist eine bekannte Sache. Hier können nur sorg- fältig ausgewählte wirkliche Stomachica wahre und dauer- hafte Hülfe bringen. Die Wahl selbst ist aber oft schwierig, und es würde nur ein blindes Hineintappen ins Gerathewohl sein, wenn wir nicht durch die Eigenthümlichkeit und Be- dingungen der Schmerzen, und insbesondere durch den, meistens leicht zu ermittelnden Einfluss der verschiedenen Nahrungsmittel auf die Verschlimmerung oder Besse- rung derselben einen selten oder nie trügenden Anhalt hätten. Die spezielle Renntniss solcher Einflüsse, die manche, sonst unschädliche Speisen oder Getränke auf den kranken Or- ganismus äussern, ist schon aus diesem Grunde von erheblicher Wichtigkeit für den homöopathischen Arzt, und unser Bestreben ist unaufhörlich darauf gerichtet, diese Erfahrungen noch weiter auszudehnen und zu vervollkommnen. Was aber diese Wichtig- keit noch ungemein erhöhet, ist dies, dass bei vielen andern, sowohl akuten, als chronischen Krankheiten, wobei die Verdauungsorgane in Mitleidenschaft gezogen sind, eben solche ähnliche Einflüsse verschiedener Nahrungsmittel in gleicher Weise beobachtet werden und dann zur Vervollständigung des

92 II- Buch. Aphorism 18, 19.

Krankheitsbildes und zur Wahl des passendsten Heilmittels häufig die wichtigsten Dienste leisten. 25)

18. Diejenigen, welche sich reichlich und schnell nähren, haben auch schnellere Ausleerungen.

Man darf wohl vermuthen, dass in diesem Lehrsalze nicht bloss die natürliche Folge eines gar zu sehr beschleunigten Stoffwechsels der Nahrungsmittel ausgesprochen werden, sondern dass er vielmehr als Fortsetzung des Vorhergehenden zur Warnung für Rekonvaleszenten dienen sollte. In dieser Hin- sicht würde dann als Gegensatz zu dem „reichlich" und „schnell" das für die Letztern weit Angemessenere „sparsam" und „oft" lauten müssen, was wir gern unterschreiben.

19. In hitzigen Krankheiten sind die Vorhersagungen, so- wohl die des Todes, als die der Genesung, niemals ganz zuverlässig.

Diese Klage, welche wir an mehreren Stellen bei den Alten finden, (II. Praedict. III. 5 9, Cels. II, 6), besteht auch heute noch und ist in der That nur allzusehr begründet. Selbst die gegenwärtige hohe Ausbildung der hierher gehörigen medi- zinischen Wissenschaften26) hat in der grösseren Sicherheit der Prognostik noch wenig Erhebliches geleistet. Man sieht noch heute, wie vor tausend Jahren, Kranke dahinsterben,

25) A juvantibus et nocentibus optima indicatio. Boerhave.

26) Mit vollem Rechte sagt Goldschmid (Deutsche Viert. -Jahrsschrift Nr. 54. S. 96) : - „Begünstigt durch gleichzeitige grosse Fortschritte der Chemie, Physik und der Mikroskopie erlangten die experimentirenden Physiologen so grosse Erfolge, dass die heutige Physiologie gegen die .Frühere eine völlig Andere ist.

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deren Krankheit ursprünglich den Aerzten nicht die mindeste Besorgniss einflöste, und hinwiederum Andere genesen, die sie rettungslos dem Tode verfallen glaubten. In beiderlei Fällen ist nicht zu leugnen, dass man sich geirrt hatte; aber die Auf- lösung des Rätbsels, wodurch ein Irrthum von solcher Bedeu- tung bei bervorragenden Männern von Erfabrung und Wissen- scbaft möglich gewesen, bleibt ungelöst. Gewöhnlicb wird zur Beschönigung die Ausflucbl gewählt, dass neue Krankheiten zu der Ersten getreten sein sollen, als wenn das möglich wäre, und dass dann ein langer, gelehrter, oft monströser patholo- gischer Namen erfunden wird, womit die Angehörigen abgefer- tigt werden und sich begnügen müssen.27) Aufrichtige Bekennt- nisse über die Insuffizienz der Wissenschaft, wie jene des grossen Boerhave nach der Behandlung des Admirals van Wassenaar und des Grafen von St. Aubai, gehören zu den Sel- tenheiten und kommen höchstens nur zur Kenntniss ihrer Col- lege!!. 28)

Fragen wir nun, wie es in dieser Hinsicht mit der Ho- möopathie steht? so müssen wir antworten: dass allerdings auch hier, aber fast nur in chronischen, kaum mehr in aku- ten Fällen, noch Einiges zu wünschen übrig ist, dass aber das Vorkommen einer irrigen Prognose über Tod oder Gene- sung nur zu den seltensten Ausnahmen gehört. Die Homöo-

27) Si nous savons d'une autre part, qu'une meme cause peut produire des effets divers, selon les sujets qu'elle affecte; que ces meines effets peuvent etre encore modifies par mille circonstances particulieres ; combien perd de sou importanee, pres du lit d'un malade, un nom, qui bien souvent, malgre ses pretentions scientifiques, ne upus appreud rien de ce qu'il nous importe le plus de savoir.

J. de Monestrol, de l'Hom. p. 27.

28) Eine Dame sagte zu dem berühmten Petit: „Wer ein so grosser Anatom ist, wie Sie, der vermag gewiss alle Krankheiten zu heilen." Dieser aber erwiederte: „es geht den Aerzten, wie den Lohnbedienten in Paris; sie kennen alle Strassen, aber sie wissen nicht, was in den Häusern vorgeht."

94 H. Buch. Aphorism 19.

pathen besitzen nämlich ausser dem, was auch die Allopathen in dieser Beziehung wissen, noch ein selten oder nie trügendes Kennzeichen in der Wirkungsart der Arznei. Die Er- fahrung hat sie nämlich gelehrt, wie es auch in der Natur der Sache liegt, dass überall, wo die angewendeten, durchaus pas- send gewählten Mittel eine, richtige, dem Genius des Heil- stoffs entsprechende Wirkung thun, mithin die zur Heilung der Krankheit erforderliche normale Reaktion erregen, die Be- siegung der Krankheit naturgesetzlich zu erwarten ist. Wenn hingegen diese Reaktion entweder ganz ausbleibt, oder wenn sich im Verlaufe der Wirkungsdauer der Arznei Symptome einstellen, welche dieser fremd sind: so stellt sich die Pro- gnose jedesmal ungünstig. Um solche Vorgänge und Er- scheinungen aber gehörig benutzen zu können, sind zwei Dinge durchaus erforderlich: einmal die genaue Bekanntschaft mit den Kräften jeder Arznei bis in ihre feinsten Nüanzen, und andermal die absolute Notwendigkeit, dass nur ein ein- ziges Arzneimittel auf einmal gereicht und in Thätigkeit ge- setzt werde.29) So lange diese beiden Erfordernisse nicht er- füllt werden, wird auch die Allopathie den eben erwähnten Vor- theil niemals daraus ziehen können und muss deshalb des wich- tigsten Hülfsmittels zur Sicherung der Prognose entbehren, welches die Homöopathie schon lange als ihr ausschliessliches Eigen- thum beanspruchen darf.30)

29) Die beiden von Hahnemanu eingeschlagenen Wege zur Erfahrung der Arzneikräfte, nämlich durch die Prüfung am Gesunden und durch die Prüfung am Kranken, lassen sich am Besten mit der analytischen und synthetischen Beweisführung in der Mathematik vergleichen,

30) Vorzüglich wichtig findet Baco von Verulam (Nov. org. Lib. 1) bei der induktiven Methode, dass man alle und jede Umstände der Beobachtung genau erwäge, und die gradweisen Veränderungen zu be- merken suche, die ein Gegenstand erleide; das nennt er den v er bor-

II. Buch. Aphorism 20. 95

20. Diejenigen, welche in ihrer Jugend einen weichen Stuhlgang haben, werden im vorgerückten Alter hart- leibig. Dagegen werden Diejenigen, welche in der Jugend an trockenen Stuhlgängen leiden, im Alter einen Flüssigen bekommen.

Der Sinn dieses Aphorisms ist völlig klar und ohne Zweifel ein Ergebniss der Erfahrung, welche Hippokrates im Stande war, durch Benutzung der Votiv-Tafeln in den Tempeln, wie es damals Sitte war, reichlicher zu sammeln, als die meisten

genen Prozess, ohne 'dessen Entwickelung man nicht sagen könne, etwas (vollständig) beobachtet zu haben. Wer z. B. nicht von dem ersten Augenblicke an, nachdem er Opium genommen (bis zum Ende seiner Wirkungen), jede Veränderung genau bemerkt, die das Opium her- vorgebracht haben konnte, der wird über die Wirkungen desselben auch keine richtige Erfahrung machen können.

C. Sprengel, Gesch. d. Med. V, '274.

Was hilft uns die durch die angegebenen Zeichen und Zufälle gut bestimmte Anzeige, wenn wir nicht auch im Stande sind, ein gutes Mittel ausfindig zu machen, wodurch die beschädigte Verrichtung bald wieder in Ordnung gebracht wird?

Löseke, Mat. med. Einl. §. 6.

Giebt es je einen Zweig menschlichen Wissens, welcher der Ver- vollkommnung und der Veredlung ebenso bedarf, als er deren fähig ist, so muss die Heilkunst oben an gestellt werden. Hygea. 1, 1.

Sei die Zahl der Mittel, welche die Aerzte aus der grossen Masse der Stoffe zu gebrauchen pflegen, auch nur 200, oder 150, oder selbst nur 100; gar bald hat der Arzt aus dieser verhältnissmässig kleinen Zahl einen Theil vergessen, wenn ihn nichts an dieselben erinnert, und ehe er es merkt, ist er auf einer sehr kleinen Zahl hangen geblieben, aus welcher er die verschriebenen Mittel allein noch wählt. So war es möglich, dass Aerzte, freilich in arger Unerfahrenheit , zu sagen vermochten, dass sie ihre Mittel auf den Nagel des Daumens schreiben könnten ! So auch ist es nur möglich geworden, dass man auf den allopathischen Rezepten eine kleine Zahl von sogenannten Hauptmitteln sich stereotyp wiederholen sieht, und dass z. B. Natron bicarb., Opium, Morphium, China, Queck- silber und Jod den ganzen Inbegriff der Materia medica bei manchen Aerzten auszumachen scheinen. Selbst die Apotheker machen sich, wie ich sicher weiss, hierüber lustig und weisen spottend auf die wenigen Gläser hin, aus denen sie nur zu mischen brauchen.

Prof. Hoppe, die Dispensirfreiheit. S. 99.

96 II. Buch. Aphorism 21.

neueren Aerzte. Ob aber die angeführten Veränderungen in der Beschaffenheit des Stuhlganges nach Maassgabe des Alters noch heute in der Weise bestehen, dass man im Stande ist, daraus eine allgemeine Regel zu ziehen, wollen und können wir weder bejahen noch verneinen. Auch dürfte für die Praxis wenig Nutzen daraus zu schöpfen sein.

21. Der Genuss von Wein mildert den Hunger.

Diesen Einfluss auf das natürliche Bedürfniss der Nahrung, was wir Appetit nennen, mithin auch eine unmittelbare Ein- wirkung auf die V er dauungs- Organe, hat der (unverdünnte) Wein mit allen narkotischen Mitteln gemein, und muss des- halb beim Gebrauche homöopathischer Arzneien dann besonders vermieden werden, wenn ein Magen- oder Unterleibsleiden geheilt werden soll. Einer Unterstützung solcher Art bedür- fen die gut gewählten Arzneien keineswegs, und würden diese durch dergleichen Nebenwirkungen eines andern, hier eben- falls als Arznei wirkenden Stoffes, nur gestört und alterirt werden.

Am Besten und Naturgemässesten empfiehlt sich daher der Genuss eines guten, gehörig abgelagerten und sauerfreien Weins in sehr massigen Quantitäten bei der Rekonvaleszenz zur Stärkung und Hebung der Esslust, wo er eben durch seine, das Gefühl des Hungers in der Er st Wirkung abstum- pfende, in der Nachwirkung aber verstärkende Eigenschaft als ein wahres homöopathisches Heilmittel oft sebr erhebliche Dienste leistet.

Dagegen ist es eine durchaus irrige Ansicht, wenn man den Wein als ein blosses unschuldiges Reizmittel ansieht, um die Esslust zu schärfen, und der vorstehende, vollkommen richtige Lehrsatz des Vaters der Heilkunde beweist hinlänglich

II. Buch. Aphorism 21. 97

die Unhaltbarkeit einer Meinung, die noch vielfach unter den Aerzten sowohl als unter den Laien verbreitet ist, weil eben die beiden sich entgegen stehenden Wirkungen verkannt werden.

Noch ist hier mit einem Worte des Missbrauches zu er- wähnen, welcher bei Durchfällen mit rothem Weine ge- trieben wird. Dass er in vielen Fällen der Art vergeblich ange- wendet wird, das weiss Jedermann ; nicht aber, dass nicht selten eben dadurch das Uebel hartnäckiger wird. Wie sehr auch hier eine sorgfältige Individualisirung Noth thut, und bei solchen, oft mit andern bösen Krankheiten in Verbindung stehen- den Beschwerden mit grosser Umsicht zu verfahren ist, um nicht an zehn anderen Orten zu verschlimmern, was an Einem etwa gebessert wird, dafür giebt es eine grosse Menge von Thatsachen der beklagenswerthesten Art. Ueberhaupt nimmt der erfahrene Homöopath niemals einen Durchfall auf die leichte Schulter, sondern legt ihm jederzeit ein weit grösseres Gewicht bei, als dem zögernden, harten Stuhle, der ihm selten grosse Sorge macht und meistens ein Zeichen einer kräftigen Kon- stitution ist.

Zum Belege für das Vorstehende, und als Beweis für die grosse Mannigfaltigkeit der Erscheinungen am Kranken, möge am Schlüsse dieser Glosse noch folgende Thatsache stehen: C. E. von hier litt seit der Kuhpockenimpfung an Scro- fulosis. 31) Im 8. Lebensjahre wurde er von uns vermittelst je

31) Ueber das erste Auftreten der Scrophulosis in ihren mannig- faltigen Formen kurze Zeit, oft unmittelbar nach der Vakzinirung, ent- halten unsere eigenen Journale mehr als 3000 Beispiele, welche in Ver- bindung mit zahlreichen Beobachtungen Änderer von derselben Art wohl Beherzigung zu verdienen scheinen und in der That (in Frankreich) bereits zur Sprache gebracht sind. Wir glauben die Ursache davon weniger den Kuhpocken an und für sich, welche nichts Anderes, als ein wahres homöopathisches Heilmittel sind, als vielmehr der mangelnden Erneuerung des Pockenstoffs von der Kuh , und der Verun- reinigung desselben durch Skrofelgift, wenn er von (latent) psorischen Kin-

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98 II. Buch. Aphorism 22.

einer Gabe Amin. carb. und Calc. carb. 30 von Schwerhörig- keit mit Eitern der Ohren und vielen Warzen auf den Händen geheilt. Zehn Jahre später bildete sich ein Brust- und Lungen- Leiden aus, welches schnell durch eine Gabe Bry. 200 beseitigt wurde. Drei Jahre darauf folgte bei kaltem Wetter eine Erkäl- tung im offenen Wagen, welche ebenfalls durch